Pflegeberufe wollen Billiglöhne loswerden

25. Mai 2001, 19:09
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Ringen um bundesweiten Kollektivvertrag

Wien - Mit den 40.000 Mitarbeitern im Pflege- und Betreuungsbereich nimmt nun eine der wenigen großen Berufsgruppen, die noch über keinen Kollektivvertrag (KV) verfügen, einen Anlauf in diese Richtung. Derzeit sind in diesem Sektor nur Betriebs- oder Einzelvereinbarungen (einzige Ausnahme: die Caritas, die seit kurzem einen KV hat) mit den Arbeitgebern - verschiedenen Hilfsorganisationen - usus. Diese wiederum stehen einem Tarifvertrag zwar positiv gegenüber, aber "nur im Bereich des Möglichen", heißt es auf Anfrage, da man durch die Budgetkürzungen der öffentlichen Hand, "immer stärker mit Finanznot kämpft".

Weil aber niemand auf stur schalten will, hat man sich nun auf eine sozialpartnerschaftliche Erhebung der Ist-Gehälter in der breit gefächerten Branche geeinigt, so die ÖGB-Verhandlerin, Rosa Prais, zum STANDARD. Klar sei aber, "dass die Gewerkschaft keine Vorschläge akzeptieren könne, die in Einzelbereichen eine bis zu 30-prozentige Verringerung des Lebenseinkommens bedeuten würden." Deshalb hat man eine Gehaltstabelle für neun Jobgruppen mit finanziellen Mindestvorgaben präsentiert.

Pflegeberufe sind derzeit nur im Billiglohnbereich angesiedelt. In der Heimpflege liegt der Stundenlohn bei knapp hundert Schilling. 95 Prozent der Betreuungsjobs werden von Frauen ausgeübt. Das Gros arbeitet nur in Teilzeitvereinbarungen. Wechseldienste, Nachtarbeit, Sonn-und Feiertagsdienst, kurzfristige Dienstplanänderungen sowie hoher Zeitdruck seien der Alltag. Was auch die Direktorin des Wiener Hilfswerkes, Ursula Weber-Hejtmank bestätigt: "Die Einsparungspolitik führt mittlerweile dazu, dass in der gleichen Zeit, in der früher drei Klienten betreut wurden, heute sechs versorgt werden müssen."

Derzeit leben in Österreich bereits 1,7 Millionen Menschen über 60. Rund ein Drittel braucht Betreuung. Und in den nächsten Jahren wird sich die Situation noch zuspitzen, da der Anteil der 60- bis 74-Jährigen von derzeit 21 auf 32 Prozent im Jahr 2030 ansteigen wird. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 5. 2001)

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