"Wir arbeiten wie in Beirut" - Journalisten im Fadenkreuz der ETA

25. Mai 2001, 14:53
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Alle Medienvertreter, die nicht für die Unabhängigkeit schreiben, sind in Gefahr

Santiago Oleaga hatte keinen Leibwächter. Er fühlte sich auch nicht unmittelbar bedroht, da er als Finanzchef nicht zur schreibenden Zunft des "Diario Vasco" gehörte. Für die Terroristen war er ein leichtes Opfer: Mit sieben Kugeln wurde der 54-Jährige am hell lichten Tag hinterrücks erschossen. Der feige Anschlag zeigt, dass die baskische Separatistenorganisation ETA nun die Presse als Ganzes ins Visier genommen hat. Die Botschaft ist klar: Jeder Medienvertreter, der nicht das Ziel eines unabhängigen Baskenlandes unterstützt, ist sich als potenzielles Attentatsziel seines Lebens nicht mehr sicher. Meinungsfreiheit gibt es für die ETA nicht.

"Nun sind wir an der Reihe", stellte ein Redakteur des "Diario Vasco" nach dem neuen Anschlag mit einer Mischung aus Zorn und Angst fest. Tatsächlich scheint die ETA in einer neuen Dimension des Terrors eine Offensive gegen die Medien begonnen zu haben. Erst vergangene Woche hatte eine Paketbombe den baskischen Journalisten und früheren ARD-Mitarbeiter Gorka Landaburu schwer verletzt. Die Explosion riss ihm einen Daumen und mehrere Fingerglieder ab. Seine in einen dicken Verband gehüllten Hände wirken wie ein Symbol gegen sinnlose Gewalt. "Sie werden mich nicht zum Schweigen bringen", sagte er kurz nach dem Attentat.

Schon jetzt sind unter den etwa 1.000 Menschen, die sich im Baskenland nur mit Leibwächtern auf die Straße wagen können, Dutzende von Journalisten. Ihr Weg zur Arbeit beginnt wie bei vielen Politikern, Polizisten, Militärs oder Richtern jeden Tag damit, dass sie unter ihrem Auto nach Haftbomben suchen. Die Pressehäuser sind zu wahren Festungen mit Scheiben aus Panzerglas geworden, wo bewaffnete Wächter am Eingang jeden Besucher kontrollieren und jede Postsendung durchleuchten. "Wir arbeiten wie in Beirut, eingesperrt hinter Stacheldraht", meint ein Journalist.

Die Medienverbände mahnen, das spanische Baskenland sei die einzige Region in Westeuropa, wo Journalisten um ihr Leben fürchten müssen. Eines der ersten Mordopfer der ETA nach der Aufkündigung ihrer "Waffenruhe" im Dezember 1999 war bezeichnenderweise der Kolumnist der spanischen Tageszeitung "El Mundo", Jose Luis Lopez de Lacalle. Auch Oleaga wurde nicht zufällig ausgewählt: Die "Diario Vasco" steht dem Separatismus kritisch gegenüber und ist in der Provinz Guipuzcoa, wo die ETA die meisten Anhänger hat, die meistgelesene Zeitung.

"Wir können nicht zulassen, das die Worte durch den Terror einer Diktatur des Schweigens unterworfen werden", schrieb das Blatt am Freitag in einem Leitartikel. (dpa)

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