Patrioten und "zionistische Agenten"

24. Mai 2001, 22:35
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Im Libanon entwickelt sich eine Debatte über Sinn und Legitimität der syrischen Präsenz

Das Thema springt einen an, sobald man libanesischen Boden betritt. Im Taxi vom Flughafen entspinnt sich die übliche Nahostdiskussion, da überrascht der Fahrer mit dem Einwurf: "Aber Sharon tut wenigstens alles für sein Land! Während unsere da oben, die tun nichts für den Libanon, aber alles für Damaskus."

Mit einem Wort, viele Libanesen haben zehn Jahre nach Unterzeichnung des "Bruderschaftsabkommens" die syrische Präsenz - 35.000 Soldaten und eine Million Arbeiter (bei etwa vier Millionen Einwohnern) - satt, und zwar aus politischen und wirtschaftlichen Gründen. "Sie kommen nur für die Arbeitswoche, ihr Essen haben sie mit, sie schlafen zu zehnt in irgendeiner Bude. Sie geben kein Geld aus, aber nehmen uns die Arbeit weg", klagt ein Händler.

Die öffentliche Diskussion über die syrische Hegemonie hat zwei Väter: Gebran Tueni, den Herausgeber von an-Nahar, gemeinhin als "beste arabische Zeitung überhaupt" bezeichnet, und den maronitischen Patriarchen Boutros Sfeir, der aus politischen Gründen zuletzt nicht einmal nach Damaskus gefahren war, um dort "seinen" Papst zu sehen. Tueni, dessen Vater und Großvater schon große Herausgeberpersönlichkeiten waren (auch Zeitungmachen ist Familiensache im Libanon), stellt im Gespräch klar, dass er die Debatte schon vor dem Abzug der israelischen Truppen losgebrochen hatte, nämlich im März 2000 vor dem Treffen des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton und dem (später verstorbenen) syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad in Genf.

In einem offenen Brief an Bashar al-Assad, den damaligen "Inhaber des Libanon-File" (und jetzigen Präsidenten), hielt Tueni die Ansprüche des Libanon auf seine Unabhängigkeit fest, denn damals schien es immerhin möglich, dass in Genf die Weichen für einen syrisch-libanesisch-israelischen Verständigung gestellt würden. Ab dem Sommer - inzwischen waren die Israelis abgezogen und der alte Assad gestorben - engagierte sich dann auch der Patriarch öffentlich.

Die beiden entfesselten ein Pandämonium. Dass jeder, der sich für einen Rückzug der Syrer einsetzt, als "zionistischer Agent" in Verdacht gerät, liegt in der Natur der Dinge; jede noch so kleine Kritik an den Verhältnissen kann als getarnter Angriff auf Syrien interpretiert werden. Außer dem Gottseibeiuns Israel wird auch das Schreckgespenst eines wieder wachsenden Konfessionalismus an die Wand gemalt, zumindest versuchen es manche Gruppen so hinzustellen, als wäre der Ruf "Syrer raus!" eine rein christliche Erfindung. Und vor beidem - vor Israel und vor dem Auseinanderfallen der libanesischen Gesellschaft - schützt bekanntlich die syrische Anwesenheit.

Tueni lacht: "Was sollen die Syrer sein? Ein Schutz vor den Israelis?" In den Süden getrauen sich die syrischen Truppen nicht, so Tueni, und durch die Unterstützung der Hisbollah provozieren sie israelische Angriffe auch auf Ziele weiter nördlich - auf die Anlagen (zuletzt syrisches Radar), die angeblich zum Schutz der Libanesen dienen. Und zur Einheit des Libanon bemerkt Tueni bitter, dass er darauf pfeifen würde, wenn zu ihrer Wahrung wirklich eine fremde Besatzungsmacht im Land nötig wäre.

Tatsächlich gibt es auch Christen, die den Syrern gegenüber eine moderatere Haltung einnehmen: Als Gegengewicht zur Gruppe von "Qornet Shehwan", die in einem dort erstellten Papier euphemistisch die "Umgruppierung" der syrischen Truppen und das Vorrücken der libanesischen in die ehemalige israelisch besetzte Zone (siehe Bericht vom Dienstag) fordern, haben sich hochrangige christliche Politiker, darunter der Innen- und der Verteidigungsminister, zusammengetan. Auch Staatspräsident Emile Lahoud, von den Syrern als "nationalistische und patriotische Figur" gelobt, ist Christ. Von ihm sind viele Libanesen enttäuscht, weil sie geglaubt hatten, er würde als General stark genug sein, um den Syrern etwas entgegenzusetzen. (DER STANDARD, Print, 25.5.2001)

Von Gudrun Harrer
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