Mehr Mobilität durch anerkannte Diplome

24. Mai 2001, 20:38
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Doch EU kann den Unis nichts vorschreiben

Mobilität ist auch eine Frage des Geldbeutels. "Die Idee der EU-Kommission, dass Studenten ihre Stipendien auch an Unis im Ausland mitnehmen können, ist gut", sagt Inge Knudsen von der Europäischen Vereinigung der Hochschulrektorenkonferenzen in Brüssel. "Aber wenn es keine Stipendien gibt, hilft das alles nichts."

Die Mobilität der Studenten und Lehrenden zu fördern ist das Ziel aller Vorschriften und Programme der EU im Hochschulbereich. Manche sind dabei auch mit finanziellen Wohltaten für Studenten, die ins Ausland gehen, verbunden. So zum Beispiel das bekannte EU-Programm Erasmus, das insbesondere zu einem Sprachkurs an der Gastuni und zur Befreiung von Studiengebühren verhilft. Die Zuschüsse zum Lebensunterhalt aber sind seit 1987, dem ersten Erasmus-Jahr, stetig gesunken und reichen bei weitem nicht, um den Auslandsaufenthalt zu finanzieren.

Nach einer Studie, die im vergangenen Jahr im Auftrag der EU-Kommission erstellt wurde, erklären 57 Prozent der Erasmus-Studenten, dass sie im Ausland finanzielle Probleme hatten. Ihre Gastländer machen es ihnen auch nicht leicht, etwas dazuzuverdienen. Erasmus-Studenten aus Nicht-EU-Ländern bekommen kaum je eine Arbeitserlaubnis für Nebenjobs.

"Doch auch die EU-Studenten leiden unter der Bürokratie in einigen Mitgliedstaaten", beobachtet Inge Knudsen. "Sie haben nämlich nur ein Aufenthaltsrecht im Studentenstatus, müssen also zusätzlich eine Arbeitserlaubnis beantragen." Darauf haben sie als EU-Bürger zwar einen Anspruch, doch ohne lästige Behördengänge geht es nicht.

Dazu kommen die Schwierigkeiten, die es immer noch macht, Prüfungen aus dem Ausland anerkennen zu lassen. Die EU kann hier nicht viel mehr tun als zu appellieren und Kooperationsprogramme zu organisieren, denn die Bewertung von akademischen Leistungen liegt in der Zuständigkeit der Universitäten selbst. Daher existiert bis heute kein Diplom, das automatisch überall anerkannt ist.

Zumindest bei Qualifikationen, die im Rahmen von Erasmus erworben wurden, soll das europäische Netz von Informationszentren für die akademische Anerkennung der Diplome ("Naric") Erleichterungen bringen. Noch weiter - nämlich hin zu einer Harmonisierung der Studiengänge - führt das neue Pilotprojekt "Tuning", das Anfang Mai in Brüssel gestartet wurde und die Studienpläne für bestimmte Fächer angleichen soll.

Punktesystem

Schon seit fast zehn Jahren existiert zudem das Europäische System zur Anrechnung von Studienleistungen (ECTS). Für die Fächer Geschichte, Betriebswirtschaftslehre, Chemie, Maschinenbau und Medizin gilt hier ein Punktesystem, das einheitlich bewertet, wie viel ein Seminar oder eine Prüfung zählt. 1000 Bildungseinrichtungen wenden es schon an.

Trotz aller Schwierigkeiten scheinen die Studenten, die sich ins Ausland gewagt haben, ihren Schritt nicht zu bereuen. In der bereits erwähnten EU-Studie bewerteten 98 Prozent ihre Erasmus-Erfahrung in sozialer und kultureller Hinsicht als positiv oder sehr positiv. 91 Prozent empfanden sie auch in akademischer Hinsicht als positiv. (DER STANDARD, Print, 25.5.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Jörg Wojahn aus Brüssel
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