Afghanistan: Standfeste Taliban

24. Mai 2001, 20:11
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Auf ihr ohnehin hohes Podest als weltweit unangefochtene Dunkelmänner der Moderne haben die Taliban noch einen weiteren Stein gelegt: nach dem Ausgeh- und Berufsverbot für Frauen, der Bartpflicht für Männer, dem Sturm auf die einst zum Weltkulturerbe zählenden Statuen von Bamian jetzt also die Kennzeichnungspflicht für Hindus. Alle Hindus im Land haben fortan einen daumengroßen Stofflappen von - natürlich - gelber Farbe mit sich zu führen. Ähnlichkeiten mit dem Judenstern der Nazis sind rein zufällig, der gelbe Lappen diene ganz im Gegenteil nur den Hindus, um bei Kontrollen der islamischen Religionspolizei - eine andere Erfindung der angeblichen "Koranschüler" - ungünstige Verwechslungen mit Muslimen vermeiden zu helfen, versichert der Chef der Polizei.

Die Taliban sind im Grunde nur die historische Revanche der Paschtunen, lehren die Volkskundler, jener Volksgruppe, die Afghanistan im 18. Jahrhundert gründete und bis zum Einmarsch der Sowjets 1979 regierte. Die Taliban können tun und lassen, was sie wollen, lehrt wiederum die Realpolitik. Für Liebhaber des absurden Theaters mögen sie eine prächtige, nicht enden wollende Vorlage sein - erst jüngst öffnete Kabuls einziges Freibad wieder seine Pforten. Die Badeordnung: Bärte, Badehosen bis übers Knie, keine Frauen - für Afghanistans Bevölkerung sind die Taliban ein Albtraum. Vier Millionen Menschen dürften derzeit wegen der Dürre hungern, eine halbe Million sind Flüchtlinge im eigenen Land, doch Kabuls Machthaber lassen dieser Tage je nach politischer Konjunktur die Büros von UN-Hilfsprogrammen schließen oder weiterarbeiten.

Die Konjunktur aber sieht schlecht aus: In New York steht ein Strafprozess gegen Handlanger des von den Taliban protegierten Terroristen Osama Bin Laden unmittelbar vor dem Ende. Afghanistans Machthaber werden sich bald etwas Neues einfallen lassen, um dem Westen ihre Standfestigkeit zu beweisen. (DER STANDARD, Print, 25.5.2001)

Markus Bernath
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