Der süße Knebel Wohlstandsmehrung

24. Mai 2001, 21:25
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Chinas Intellektuelle auf dem Weg zu einer neuen Rolle

Die öffentliche Meinung in China gewinnt an Bedeutung, das hat die Krise um das notgelandete Spionageflugzeug der USA gezeigt. Welche Rolle spielen Chinas Intellektuelle?

Nach der Askese der Mao-Herrschaft traten vor allem in den 80er-Jahren die geistigen Werte wieder in den Vordergrund. Man erinnerte sich an die konfuzianische Weisheit, wonach es die höchste Pflicht des Intellektuellen ist, den Herrscher zu beraten, und sei es mit kritischen Analysen.

1979 erklärte Liu Binyan, Journalist, in seinem Buch People or Monsters, wieso das kommunistische System Korruption hervorbringt; Su Xiaokang, Koautor von Heshang (Flusselegie), einer TV-Dokumentation von 1988, zeigte auf, dass der Despotismus des imperialen China in der Hierarchie der KPCh weiterlebte. Beide Werke bewegten die Gesellschaft.

Verglichen damit sind die Jahre nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens politisch und intellektuell anämisch. Wo ist der moralische Kompass? Als die Stimme der Intellektuellen am wichtigsten war, wurde sie nicht gehört. Warum?

Repression ist einer von vielen Gründen. Die eiserne Tabuisierung von Themen wie Kulturrevolution, Tiananmen-Massaker, Falun-Gong-Sekte usw. sollte die Machtposition des Regimes legitimieren. Viele führende Intellektuelle flüchteten 1989, die neue Generation steckte noch in den Kinderschuhen. Nach dem Fall des Sozialismus entstand ein "Wertevakuum", das jeder auf seine Art zu füllen trachtet.

Ein religiöser Boom setzte ein, andere suchen im Chauvinismus ihr Heil. Dazu kommt, dass Schriftsteller, die in den 80er-Jahren das Tor zur Kritik aufstießen, Opfer des postmodernen Jargon aus dem Westen wurden, auch wenn diese Strömungen in China auf weniger Resonanz stoßen.

War es seinerzeit Unterdrückung, prägte nun das rasche Wirtschaftswachstum das Leben der Intellektuellen. Vorbei die Zeit der Hungerlöhne, vorbei die Zeit der Mao-Zensur, als sie nichts weiter als "stinkender Abschaum" waren. Heute setzen Intellektuelle ihre Kreativität auch auf dem freien Markt ein und verdienen mehr Geld, als es in einem akademischen Beruf je möglich wäre. Ihre soziale Stellung wird nur von den Superreichen und den Staatsbeamten übertroffen.

Blühen im Abseits

Redefreiheit, Pressefreiheit, Bewegungsfreiheit setzen sich immer mehr durch: Neue Subkulturen und Publikationen blühen, solange sie politisch heikle Themen umgehen. Kurz, persönliche Bequemlichkeit führte zu Selbstgefälligkeit und politischer Ängstlichkeit.

Der wirtschaftliche Aufschwung öffnete allerdings eine hässliche Kluft zwischen Reichen und Armen. Die Fragen über politische Moral beweisen, dass das intellektuelle "Gewissen der Nation" noch lebt. Können wir es zulassen, fragen Intellektuelle, dass Neureiche ihr Vermögen anhäufen, indem sie staatliches Eigentum stehlen?

Mit Fragen dieser Art manövrieren sich westlich orientierten Intellektuelle in ein Dilemma. Es stimmt, der Westen bietet demokratische Modelle an, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und andere Schutzvorrichtungen gegen Ungerechtigkeit, aber der Westen liefert auch das kapitalistische Modell mit, dass für Ungleichheit zuständig ist. Was tun? Bringt eine Mitgliedschaft bei der Welthandelsorganisation Nach- oder Vorteile? Wie steht es mit der westlichen Popkultur?

Jede Menge Ansichten schwirren durch die Luft. Eine "neue Linke" tritt für die Armen ein und ist bemüht, sich von der autoritären "alten Linken" zu distanzieren. Liberale haben ihre eigenen linken und rechten Flügel, die sich vor allem mit dem Thema soziale Gerechtigkeit versus politische Freiheit auseinander setzen. Diese komplexe Situation macht es den Intellektuellen heute schwerer als in den 80er-Jahren, mit einer Stimme zu sprechen.

Das "Schweigen" der Intellektuellen hat mehrere Gründe. Abgesehen davon, dass es zum Teil trügerisch ist. Denn wenn wir im Sinne Konfuzius' die Frage stellen, ob die Intellektuellen etwas anzubieten haben, das ein weiser Herrscher nicht abschlagen kann, ist die Antwort: Ja. Studien wie The Pitfalls of Modernization der Ökonomin He Qinglian über die Schattenseiten der Reformen oder China by The Yellow River des Soziologen Cao Jinqing über Geburtenkontrolle und Ausbeutung der Landbevölkerung sind substanzieller als viele Grundsatzfragen in den 80ern.

Leider haben die Politiker zu wenig Selbstbewusstsein, um Ratschläge anzunehmen. Zehn Intellektuelle wurden im vergangenen Jahr mit Redeverbot belegt. Viele feuerte man aus öffentlichen Ämtern. Das klingt gefährlicher, als es ist, heißt es doch auch, dass der eiserne Arm des Staates nicht mehr überall hinreicht.

Einige haben sofort wieder Arbeit gefunden, sogar im Medienbereich, manche verdienen ihr Geld als freie Publizisten. Widerstand ist nicht mehr die Regel. Und die Regierung will noch nicht hören.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 5. 2001)

Von
Perry Link

Link, Autor von "Life in the Socialist Chinese Literary System" (Princeton University Press, 2000) ist Sinologe an der Princeton University, New Jersey, USA.

© Project Syndicate, Prag 2001

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