Heinrich von Kleist im Wiener Fasanviertel

24. Mai 2001, 21:02
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... und im "Journal des Verschwindens" (XXX)

"Er lebte, litt und rang / in trüber, schwerer Zeit, / er suchte hier den Tod / und fand Unsterblichkeit" - liest, wer Lust dazu hat, es dort zu lesen, auf dem kleinen Stein am Kopfende von Kleists Grab am Wannsee.

So fand ich vor allem am Wannsee und in einem schmalen Bildband wieder, was mir in Wien abhanden gekommen ist: eine Ecke der Kleistgasse, die ratlos auf den Aspangbahnhof zuführt, von dem die ersten Vernichtungstransporte weggingen.

Die Hypothese, dass Landschaften Schicksale nicht nur zulassen, sondern erst ermöglichen, teile ich nicht nur mit Mary Hottingers britischen Gespenster- und auch Mördergeschichten, sondern auch mit den Brüdern Grimm. Im Verhältnis zu ihnen kann ich nur schattenhaft aufdecken, wie weit Gespenster, Mörder und ihre Idiome von Tümpeln, aufgelassenen Bahnlinien abhängen - und wie weit Genauigkeiten von einem bestimmten, ziemlich hohen Grad an Ziellosigkeit abhängen.

Das Fasanviertel wurde im Zweiten Weltkrieg stadtein-und stadtauswärts so schwer bombardiert, dass seine Geisterhaftigkeit unversehrt und wenig historisch blieb. 1912, kurz ehe die Titanic unterging, häkelten ihr am Landstraßer Gürtel unter dem Schatten einer Laterne Wiener Frauen wärmende Wolldecken gegen die eisige Kälte des vorösterlichen Atlantiks. Aber es vergingen keine zwanzig Jahre, ehe in der Hohlweggasse das Fasankino eröffnet wurde, eine letzte kleinere Festung, leicht aufs Spiel zu setzen und leicht zu verlassen. Dort versuchte die jüngste Schwester meiner Mutter, ihre ohnehin verhältnismäßig kurze Zeit extrem zu vergeuden. Sie war nicht nur darin erfolgreich, spielte auch ganz gut Klavier und unterrichtete nicht ganz zwei Jahre lang, vor Hitler, an der Wiener Musikakademie. Sie hatte genug zu tun und doch eine deutliche Sucht, den noch geringen Rest ihrer Zeit zu verlieren. Ernst Jandl, der um dieselbe Zeit am Landstraßer Gürtel aufwuchs, teilte diese Sucht zum Glück nicht.

Diese Sucht scheint selten und eher genetisch zu sein. Wer ins Vergeuden gerät, kommt nicht davon los, eben das zu vergeuden, wovon er heimgesucht ist.

Deshalb werde ich bis zuletzt versuchen, die Zeit mit französischen und irakischen Filmen oder mit britischen Kreuzworträtseln oder einer anderen Fluchtmöglichkeit aus der finsteren Sonne von Wien zu vergeuden: Auch die Kleistgasse liegt im Schatten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 5. 2001)

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