Herrn Nachbars kleiner Mord

24. Mai 2001, 20:21
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Neil LaButes mörderische Monologe: "Bash", inszeniert von Peter Zadek

Neil LaBute hat eine Vorliebe für das Dunkle im Menschen. Peter Zadek inszenierte für die Festwochen "Bash", drei mörderische Monologe, in asketischer Schlichtheit als Hochleistungssport für Schauspieler.


In Interviews erzählt Neil LaBute gern folgende Anekdote: 1991 inszenierte er, damals 30, sein erstes Stück, Filthy Talk for Troubled Times an einer New Yorker Off-Bühne - fünf Männer an der Bar, Gespräche über Politik und Sex, bis einer unvermittelt in eine lange homophobe Rede ausbricht, des Inhalts, die schwulen Aids-Infizierten bekämen endlich, was ihnen zustünde. Im Publikum sprang ein Mann auf, forderte erregt, den Autor des Machwerks zu töten.

Die Episode beschreibt das etwas neurotische Verhältnis der amerikanischen Öffentlichkeit zu den Stücken und Filmen des Autors und Filmemachers. Denen nämlich fehlt, worauf mancher nicht gern verzichtet: klar zu verortende Political Correctness.

LaBute nämlich folgt in seinen Texten unzensiert den Sprach- und Denkspuren des ganz normalen Amerika. Seine Protagonisten sind die netten, wohlanständigen, ausreichend situierten Männer und Frauen der Middle Class, Your Friends and Neighbours - wie sein zweiter Film heißt - allerdings ohne die moralische Verklärung Hollywoods. Die Freunde und Nachbarn sind Männer, die sich in angeheiterter Stimmung schon mal einfallen lassen, zu zweit die taube Sekretärin zu verführen, um sie anschließend fallen zu lassen; das sind Akademiker, die sich zu nächtlicher Stunde hinreißen lassen, zu dritt einen Schwulen zu Tode zu prügeln, wie in Bash.

Geschult an der präzisen Kühle, den exakten Spielregeln eines David Mamet, der psychologischen Genauigkeit eines John Cassavetes, konstruiert Neil LaBute mitleidlose, minimalistisch reduzierte Plots.

Bash, mit dem nun erstmals ein Theatertext LaButes auf Deutsch vorliegt, zählt zu seinen frühesten dramatischen Arbeiten aus Studententagen. In mancher Hinsicht wirkt es wie eine Schreibübung, eine Vorstudie zu seinen Filmen. Monologisch plaudernde Menschen berichten, was in den späteren Werken in unmittelbare Handlung umgesetzt wird: Durchschnittsschicksale, denen, fast ungewollt und wie nebenbei, Morde unterlaufen.

Der freundliche Vertreter, der sein Baby tötete, um eine drohende Entlassung zu verhindern, der adrette Schwulenschläger, die Mutter, die sich mit dem Mord an ihrem Sohn an dessen Vater rächt. Hinter dem Alltagsgeplauder von heute verbirgt LaBute die Grundmuster griechischer Tragödien: Agamemnon, der seine Tochter dem Kriegsglück opfert, Medea, die sich mit der Tötung ihrer Söhne an Jason rächt. Bash habe "den Ton einer schlechten Fernsehserie und den Inhalt einer griechischen Tragödie", beschrieb Peter Zadek seine Faszination für LaButes Text. "Diese Kombination fand ich äußerst spannend."

LaButes Methode, Charaktere allein aus der soziologisch wie psychologisch präzise verorteten Sprache heraus entstehen zu lassen, antwortet Zadek mit einem asketischen Verzicht auf jede Form von Bühnenzauber: Wie schon in seinem Wiener Iwanow räumt er die Akademietheater-Bühne leer. Lediglich einen Sessel gönnt er den Schauspielern als Erleichterung (Bühne: Karl Kneidl). Dort sitzen sie ungeschützt vor dem Publikum: der Vertreter - Ben Becker. Der homophobe Akademiker - Uwe Bohm, die Mutter - Judith Engel.

Nicht zuletzt durch Zadeks Minimalismus entwickelt sich der Abend so zu einer Art unfreiwilliger Schauspielerprüfung. Unwillkürlich ist man geneigt zu vergleichen, wie die drei sich ihrer mörderischen Aufgabe entledigen: Wem würde es gelingen, das Publikum nur durch seine Rede zu fesseln? Schauspiel als eine Form von Hochleistungssport. Schiedsrichterliche Publikumsgrausamkeit.

Zwei Entdeckungen

Am schwersten hatte es Ben Becker, als Erster Konzentration zu schaffen. Uwe Bohm durfte sich auf Judith Engel als naive Geliebte an seiner Seite stützen. Die sich nach der Pause in eine kettenrauchende Gefängnisinsassin verwandelte, ungeschminkt, schmal, verletzlich, in der Erinnerung an frühes Glück wie transparent von innen erleuchtet.

Spätestens seit Thomas Ostermeiers Inszenierung von Feuergesicht, in der Judith Engel die (Neben-)Rolle der Schwester Olga in die zentrale Protagonistin des Stücks verwandelte, kann die zarte 31-Jährige als eine der intensivsten Darstellungskünstlerinnen des deutschsprachigen Raums gelten. Ihrem Monolog zu lauschen, dem Wagnis, lastende Stille zwischen den Sätzen zuzulassen, der kunstvollen Strukturierung des Textes nahezu ohne jede Bewegung, das allein ist ein seltenes Erlebnis höchster Theaterkunst.

Neil LaBute und Judith Engel sind die zwei großen Entdeckungen Zadeks an diesem Abend. LaBute, so war zu hören, bringt in wenigen Tagen am Londoner Almeida-Theater sein jüngstes Stück The Shape of Things zur Uraufführung, in Kürze startet sein Film Possession, nach dem Roman von Antonia Byatt, in den Kinos. Judith Engel aber spielt bei Christoph Marthaler in Zürich, am Deutschen Theater in Berlin - und hoffentlich auch wieder mit Peter Zadek, nicht zuletzt einem der größten Entfesselungskünstler wunderbarer Schauspielerinnen auf der Bühne.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 5. 2001)

Von
Cornelia Niedermeier

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