VOR ORT / ON SITE

24. Mai 2001, 14:31
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Eine Installation von Katarina Matiasek

Katarina Matiasek, 1965 in Wien geboren, aufgewachsen in Zürich und Hamburg, studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien visuelle Kommunikation, sowie Anthropologie an der Universität Wien. Seit 1994 entstanden künstlerische, experimentelle und theoretische Arbeiten zur menschlichen Wahrnehmung. Bereits 1993 erhielt sie den Kunstpreis des museum in progress. 1995 wurde sie mit dem Kunstpreis der Österreichischen Tabakwerke ausgezeichnet. Ihre künstlerischen Arbeiten stellt Matiasek stets in den Kontext einer theoretischen Auseinandersetzung. Ihre Texte, in denen sie, basierend auf Zitaten historischer und zeitgenössischer Philosophen und Autoren, ihre thematischen Überlegungen entwickelt, sind ergänzende Gegenstücke der ausgestellten Kunstwerke.

VOR ORT /ON SITE ist der Titel einer fotografischen Installationsarbeit, die im Frühjahr 2001 in der Galerie Insam zu sehen war, bestehend aus Panorama-Fotografien, die in schmale Längsstreifen zerteilt und mit der Horizontlinie als Ordnungskriterium wieder zu neuen, fragmentierten Pseudopanoramen zusammengestellt wurden. (Silvie Steiner)

Den folgenden Text hat die Katarina Matiasek zur Installation VOR ORT/ON SITE verfasst:

VOR ORT, 2001 bild ton panoramen - eine installation

“… actually the landscape was no landscape but …
a kind of self-destroying postcard world
of failed immortality and oppressive grandeur …”
Robert Smithson [1]

Bereits wenige Jahre nach der Erfindung von Daguerre wurden erste fotografische Rundbilder entwickelt. Wie bei ihrem gemalten Vorgaenger, dem eigentlichen Panorama, wurde ueber sie der Horizont entdeckt, der Blick befreit; und zugleich demonstrierten sie ein diffuses “Kerkergefuehl der Zeit” [2]. Obwohl die Rundum- oder All-Ansicht (pan horama) technisch einer Bewegungsspur der Aufnahmeoptik ueber das Filmmaterial entspricht, ist doch ihr Ziel die moeglichst statische Erfassung ewiger raeumlicher Verhaeltnisse. Vorallem bei den unveraendert beliebten Stadt- und Landschaftsansichten sieht sich der Mensch in die Mitte gestellt, die Totalitaet des Blicks legt ihm Zugriff nahe und setzt etwa der Stadt erst ein physiognomisches Stadt-“Bild” auf. Gibt die Panorama-Postkarte auch vor, durch sie koenne man mehr und bleibender Erleben als bei direkter Betrachtung [3], so ist sie doch voll der Nostalgie der Ruine: als modernes Gedaechtnisfragment legt sie Zeugnis ab von der Unmoeglichkeit zu Erinnern und der Notwendigkeit zu Vergessen [4].

Es sind genau diese Widerspruechlichkeiten, welche mich an panoramatischen Ansichten in Anschluss an meine frueheren Arbeiten zu Gedaechtnis, Klang- und visuellem Raum interessieren. Die fotografischen Installationsarbeiten, wie sie im Maerz 2001 in der Galerie Grita Insam unter dem Titel >VOR ORT / ON SITE< praesentiert="" werden,="" bestehen="" aus="" panorama-fotografien,="" die="" in="" schmale="" laengsstreifen="" zerteilt="" (“ruiniert”)="" und="" mit="" der="" horizontlinie="" als="" ordnungskriterium="" wieder="" zu="" neuen,="" fragmentierten="" pseudopanoramen="" zusammengestellt="" werden="" –="" rhythmisiert="" durch="" die="" leerstellen="" der="" galeriewaende="" im="" hauptraum.="" tonelemente="" sind="" hinzugefügt.="">

Architektonische Räume sind klassische Hilfsmittel der Mnemotechnik, um persoenliche Gedaechtnisinhalte ausserhalb des Koerpers strukturiert zu verankern und in imaginaeren Spaziergaengen durch diese Orte effizient wieder abrufen zu koennen. Invers ist uns die Vorstellung vertraut, dass Mauern selbst ein Gedaechtnis besitzen und Geschehenes speichern, zu zeitlich “durchsichtigen Dingen” [5] werden. Dieser Aspekt wird weiters durch eine Reihe von Sehschlitzen erkundet, welche als temporaerer architektonischer Eingriff die Trennwand zwischen den beiden Galerieraeumen durchbrechen: betritt man den ersten, daemmrigen Raum, so nimmt man durch ihn als visuelle Maske den dahinterliegenden so wahr, als sei die Aussstellungssituation selbst eines jener zerbrochenen Panoramen, die man dort findet.

Die fliehenden Ansichten und Strukturen der Ausstellung >VOR ORT / ON SITE< entsprechen="" dabei="" den="" sich="" entziehenden="" persoenlichen="" gedaechtnisorten="" im="" immer="" schneller="" fliessenden="" urbanen="" raum,="" der="" sich="" selbst="" frisst,="" um="" wachsen="" zu="" koennen="" [6],="" dessen="" sichtbare="" silhouette="" latent="" schon="" verschwunden="" ist.="" diese="" panoramatische="" absenz="" und="" zugleich="" ironische="" utopie="" weisen="" das="" gedaechtnis="" schliesslich="" als="" eine="" aktuelle="" sinnkonstruktion="" entlang="" eines="" handlungsbedarfs="" aus.="" (katarina="" matiasek,="" februar="">

[1]Robert Smithson, A Tour of the Monuments of the Passaic 1967
[2]Stephan Oettermann, The Panorama – History of a Mass Medium 1980
[3]Bernd Busch, Exposed World – A Perceptual History of Photography 1989
[4]Charles Merewether, Irresistible Decay – Traces of Loss 1997
[5]Vladimir Nabokov, Transparent Things 1974
[6]Richard Serra, Flesh and Stone 1994

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