Afghanistan: Hindu-Kennzeichnungs-
zwang löst weltweite Kritik aus

24. Mai 2001, 21:55
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UNO-Menschenrechts-
kommissarin: Plan erinnert an Nazi-Praktiken

Washington/Berlin/Jalalabad - Die Kennzeichnungspflicht für Hindus in Afghanistan hat weltweit Entrüstung ausgelöst. Laut einer Anordnung der Taliban-Milizen müssen sich Hindus künftig durch ein gelbes Stoffzeichen kenntlich machen. Das daumengroße Abzeichen sollen sie stets in der Tasche bei sich führen und auf Verlangen vorzeigen. UNO-Generalsekretär Kofi Annan äußerte sich "bestürzt". Eine solche Maßnahme sei ein schwerwiegender Verstoß gegen die Menschenrechte, sagte Annans Sprecher Fred Eckhard.

Der deutsche Außenminister Joschka Fischer zeigte sich am Donnerstag "entsetzt" von der Anordnung der radikalislamischen Taliban und forderte ein Einschreiten der Staatengemeinschaft gegen "diese eklatante Verletzung der universellen Menschenrechte". Auch die USA und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch verurteilten den Plan.

UNO-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson erklärte, die Anordnung erinnere an die Praktiken der Nazis oder die Zustände in Ruanda Anfang der 90er Jahre, wo sie zu schlimmsten Verbrechen führten. EU-Parlamentspräsident Nicole Fontaine nannte den Vorstoß am Mittwoch in Brüssel "eine neue Stufe in der Eskalation von Schande und Wahnsinn".

Taliban wollen Afghanistan zu einem streng islamischen Gottesstaat machen

In den USA sandten 105 Kongressabgeordnete ein Schreiben an US-Präsident George W. Bush, in dem sie ihn aufforderten, international im Kampf gegen die Pläne der Taliban eine Führungsrolle einzunehmen. Zuvor hatte US-Außenamtssprecher Richard Boucher das Vorhaben bereits als "jüngste Unterdrückungsaktion in einer langen Liste abscheulicher Maßnahmen" verurteilt. Human Rights Watch erklärte in New York, eine Kennzeichnungspflicht stigmatisiere die Hindus und mache sie zu Bürgern zweiter Klasse. Indien forderte internationalen Druck auf die Taliban, um die Aufhebung der Anordnung zu erreichen.

Nach eigener Darstellung wollen die Taliban verhindern, dass Hindus fälschlicherweise von der Religionspolizei wegen Vergehen gegen islamische Vorschriften belangt werden. Die Religionspolizei kontrolliert zum Beispiel, ob Moslems die vorgeschriebenen Gebetszeiten einhalten und lange Bärte tragen. Seit der Machtübernahme der Taliban ist der Anteil von Hindus an der afghanischen Bevölkerung auf ein Prozent zusammengeschmolzen. Einige Hindu-Vertreter in Afghanistan gaben sich gelassen und sagten, die Anordnung biete keinen Anlass zu größerer Sorge. Andere Hindus kündigten jedoch an, unter diesen Bedingungen auszuwandern.

Die international geächtete radikalislamische Taliban-Miliz regiert in Kabul seit 1996. Mit ihrer Auslegung des Islam, die in der moslemischen Welt weithin abgelehnt wird, wollen sie Afghanistan zu einem streng islamischen Gottesstaat machen. Sie beherrschen mittlerweile 90 Prozent des Landes.

Sittenpolizei verprügelt Menschen auf offener Straße

Die Hindus in Afghanistan sind gegen das von den Taliban verordnete gelbe Kennzeichen auf der Brust. "Wir werden es nicht akzeptieren. Wenn es uns aufgezwungen wird, werden wir versuchen, das Land zu verlassen", sagte Amar Das, ein Hindupriester in Jalalabad. In der Stadt im Osten Afghanistans lebt die größte Hindugemeinde des Landes. Amar Das widersprach damit der Darstellung der Taliban, die gesagt hatten, das Zeichen werde auf Wunsch der Hindu-Minderheit eingeführt. In Afghanistan leben mehrere tausend Hindus.

Männliche Moslems müssen Bärte und Turbane tragen, Frauen sich von Kopf bis Fuß verschleiern. Frauen dürfen ohne Begleitung nicht auf die Straße, und fast keine Berufe ausüben. Die Sittenpolizei verprügelt Menschen auf offener Straße, die gegen die Taliban-Gebote verstoßen. Das Abzeichen für Hindus kennzeichnet daher nicht nur diese Minderheit: Männer ohne Bart oder Turban, die kein Zeichen tragen, sind damit als rebellische Moslems zu erkennen. (APA//dpa)

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