"Meine Freunde hassen mich dafür"

25. Mai 2001, 20:02
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Union Berlin mit dem Wiener Michael Zechner spielt gegen Schalke um den deutschen Cup

Man darf die Bayern nie abschreiben, aber im deutschen Cupfinale am Samstag (19.30, ARD) sind ihre Chancen wirklich, wirklich klein. Schalke 04 trifft Union Berlin.

Also sitzt der Wiener Michael Zechner beim Stamm-Italiener und plaudert über seinen Arbeitgeber, die Union. In Köpenick liegt nicht nur das "Il Köp", so heißt der Italiener, sondern auch die "Alte Försterei", das Union-Stadion, in dem Oberhausen, Greuther Fürth, Ulm, Bochum und Gladbach aus dem Cup geschieden wurden. Das Endspiel wird im Olympiastadion vor 70.000 Zusehern passieren, Zechner (26), der auf der Bank beginnt, steht vor dem größten Tag in seinem Fußballerleben. Früher spielte er bei der Austria, beim Sportclub, bei der Vienna, in St. Pölten und Gerasdorf. Bis er 1999 ein Probetraining bei der Union absolvierte. Unmittelbar nach der Hochzeitsreise kam dann der Anruf aus Berlin. "Hab' ich zu meiner Frau gesagt, du, ich muss." Der Klub hat den Zechners dann eine Wohnung gecheckt, halbwegs in Stadion-Nähe, "da klappen sie um acht Uhr am Abend die Gehsteige hoch". Just in der Woche vor dem Cupfinale wurde übersiedelt, noch weiter gen Osten hinaus, nach Bohnsdorf, die neue Wohnung ist heller, puncto Gehsteige alles wie gehabt.

"Nicht jeder Union-Fan ist Staatsfeind"

Die Union hatte im Vorjahr als Regionalliga-Meister in der Relegation den Aufstieg in die zweite Liga verpasst. Heuer steht der Aufstieg schon fest und auch die Quali für den UEFA-Cup, nun schwelgt ganz Berlin in Ostalgie. In der "Alten Försterei" haben sich schon zu DDR-Zeiten stets Hippies, Punks und Dissidenten getroffen, im Ostberliner Satireblatt Eulenspiegel stand: "Nicht jeder Union-Fan ist Staatsfeind. Aber jeder Staatsfeind ist Union-Fan." Knapp einem wirtschaftlichen Desaster entgangen, steht die so besungene "Eiserne Union" nun auf gesunden Beinen, das Saisonbudget betrug zuletzt 80 Millionen Schilling, 6000 Zuseher kamen im Schnitt. Einzig das Stadion ist ein Relikt, es soll bald einige Sitzplätze kriegen, noch wächst das Gras aus den Rissen in den steinernen Stehplatzstufen.

Im Cupfinale trägt vor allem der Brasilianer Teixeira die Union-Hoffnungen, laut Zechner "ein Typ wie Polster. Bewegt sich kaum, steht aber immer richtig, sagt Grüß Gott und haut ihn rein." Zechner selbst hat vor kurzem bei der Union verlängert. Schlecht wird ihm nur, wenn er sich seine Interviews anhört. "Das Hochdeutsch - meine Freunde hassen mich dafür." Schlecht wird ihm auch vom Berliner Kaffee - "Seicherlwasser". Irgendwann wird er nach Wien zurückkommen. "Ein richtiger Knorke werd' ich nicht." (DER STANDARD-Printausgabe, Samstag, 26.5.2001, Fritz Neumann)

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