Kritik an Österreich

31. Mai 2001, 12:44
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Passivität der heimischen Stellen

Wien- 2,3 Millionen Österreicher rauchen. Fast 1,3 Millionen von ihnen wollen die Glimmstängel beiseite legen. Doch während in vielen Ländern entschiedene Maßnahmen gegen den Tabakkonsum ergriffen werden, bemängeln österreichische Fachleute eine Passivität der heimischen Stellen. "Traurig, aber wahr: In der gesundheitspolitischen Kontrolle des Tabakproblems ist Österreich das gesamteuropäische Schlusslicht - und das, obwohl die wissenschaftliche Forschung und die Therapie weltweit beispielgebend sind", heißt es in einem Positionspapier des österreichischen "Nikotin-Instituts" aus Anlass des Welt-Nichtrauchertages.

Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien, und federführender Proponent des Nikotin-Instituts in Wien: "Der US-Experte Prof. John Hughes und der schwedische Fachmann Prof. Karl Fagerström haben beide nach einer Evaluation unsere Einrichtungen als 'Nummer 1' in Kontinentaleuropa bezeichnet."

Maßnahmen tun Not

Doch der "Anti-Rauch-Papst" Kunze will nicht nur Wissenschaft rund um das Rauchen betreiben, sondern fordert vor allem gesundheitspolitische Maßnahmen zur Zurückdrängung des Tabakproblems. Bereits vor vielen Jahren hat Kunze zum Beispiel nachgewiesen, dass jede Zigarettenpreiserhöhung eine Verringerung des Tabakkonsums bringt. Er fordert auch harte Maßnahmen gegen die Tabakwerbung.

Deshalb formulierten die Spezialisten des "Nikotin-Instituts" in ihrem Positionspapier aus Anlass des diesjährigen Welt-Nichtrauchertages der Weltgesundheitsorganisation (WHO): "Umso bedauerlicher stimmt es, dass gerade in Österreich kein gesellschaftlicher und politischer Konsens zur Bekämpfung des Tabakkonsums herbeizuführen ist. Auf jeden kleinsten diesbezüglichen Versuch (Stichwort Werbeverbot für Zigaretten, Hinweise auf die Gesundheitsgefährdung durch Rauchen) folgt die aggressive Antwort der dadurch vermeintlich 'gefährdeten' Wirtschaftsbetriebe."

Wirtschaft vor Gesundheit

Kunze ergänzte dazu: "Im Grunde steckt dahinter, dass man den Verkauf der ATW nicht gefährden will." Das sei derzeit das Hauptmotiv, warum die Politik nicht härter gegen den Tabakkonsum in Österreich vorgehe.

Die Konsequenzen sind für den Sozialmediziner erschütternd: "Am besten sieht man das am Lungenkarzinom. Die Betroffenen erkranken in einem immer jüngeren Alter. Das Sterbealter der Männer, die diese Krankheit in Österreich bekommen, sinkt." Längere "Rauchkarrieren" - das gilt zunehmend auch für Frauen - bewirken eine Veränderung bei den Folgeerkrankungen des Zigarettenrauchens: chronisch obstruktive Lungenerkrankung und Lungenkrebs treten früher auf und führen früher zu Invalidität bzw. Tod.

Aufklärungsarbeit

Aufklärungsarbeit über die Gefahren des Rauchens allein ist den Fachleuten vom österreichischen Nikotin-Institut jedenfalls zu wenig. Die Fachleute in ihrem Positionspapier: "Allgemeine Maßnahmen wie gesundheitliche Aufklärung erreichen in erster Linie diejenigen Tabakkonsumenten, die wenig abhängig und wenig schadstoffbelastet sind - gerade diejenigen also, die auch ohne fremde Hilfe aufhören können."

Stattdessen sollte laut den Experten eine andere Strategie gewählt werden: "Es geht um die Behandlung der extrem abhängigen Raucher, und zwar mit allen medikamentösen und nicht-medikamentösen Methoden. Die eigenen Forschungsergebnisse lassen erkennen: Man kann grundsätzlich jedem Raucher helfen, der mitarbeiten will."

Dazu sei - so Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze und seine Mitstreiter - auch eine Finanzierung ausreichender Diagnose- und Behandlungskapazitäten notwendig: "Die Finanzierung der diagnostischen und therapeutischen Leistungen wird in Zukunft durch die entsprechenden Versicherungsträger erfolgen (müssen). Diese haben bereits begonnen, ihre Verpflichtung zu erkennen. Besonders positiv sind in diesem Zusammenhang auch die Wiener Gebietskrankenkasse und die Versicherungsanstalt des Österreichischen Bergbaus hervorzuheben."

Behandlung und Betreuung

In den vergangenen Jahren haben sich auch die medizinischen Betreuungsmöglichkeiten für Nikotinabhängie wesentlich verbessert. Der Sozialmediziner: "Die Betreuung sollte individuell geschehen. Mit dem so genannten Fagerström-Test (Fragebogen, Anm.) lässt sich leicht der Grad der Abhängigkeit bestimmen. Durch die Messung des Kohlenmonoxids in der ausgeatmeten Luft bekommt man einen Hinweis auf das Ausmaß des Zigarettenkonsums." An Hand dieser Informationen lässt sich dann die richtige Therapie wählen.

Kunze: "Wir werden in Zukunft die Nikotinersatzmittel (Kaugummi etc.) wahrscheinlich höher dosieren müssen. Im Bedarfsfall verwenden wir in Kombination damit Bupropion ("Pille" gegen Nikotin-Gier, Anm.)." Hinzu kommt psychologische Hilfe. Auch bei Rückfällen sollte nicht aufgegeben werden. Die sind nämlich bei Abhängigkeitserkrankungen jederzeit möglich. (APA)

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