Es ist das Wow, das zählt

30. Mai 2001, 00:35
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Ein Besuch bei der Münchner Kreativagentur von Siemens zeigt, dass es vor allem die Hülle ist, die Mobil-Telefonierer entzückt

Fast jeder besitzt ein Handy, und in Verbindung damit haben wir unsere sozialen Muster derart verändert, dass wir uns kaum mehr an die Zeit davor erinnern können. Wie war es möglich, sich ohne diese Navigationshilfen in der urbanen Raum-Zeit-Unschärfe zu verabreden und einander auch zu treffen? Bald wird sich an die Telefonzellen, diese Orte der Kommunikation, keiner mehr erinnern, sie werden vollständig verschwinden wie die Bassena der Wiener Zinshäuser.

Als Mobiltelefon ist der Fernsprecher Teil unserer Ausrüstung geworden. Nicht mehr an einen Ort gebunden, unterstützt es die Entwicklung zum technisch aufgerüsteten, autonomen Menschen, der im Astronauten einen ersten Höhepunkt erlebte und heute als Nomade immer wieder das Leitbild für zeitgenössisches Lebensgefühl abgibt. Zuerst waren Handys schwarz, denn sie waren in der Hauptsache Telefone, also über ihre Funktion definiert. Telefone waren auch schwarz, weil zur Zeit ihrer Entstehung und bis in die 50er-Jahre das Fließband keine anderen Farben zuließ (Henry Ford sagte über sein Modell T: Die Leute können sich die Farbe aussuchen, solange sie schwarz ist) und die späteren Autotelefone, als direkte Vorläufer, kamen aus edel verdunkelten Interieurs, ergo waren auch sie schwarz.

Anfänglich war die Kommunikation...

...durch das Objekt selbst vom einfachen Schema charakterisiert: Ich hab eines, du hast keines. Darauf folgte: Meines kann mehr, und schließlich: Ich hab das Kleinste, womit auch klar die Entwicklungsdynamik auf dem Sektor Informationstechnologie erfasst ist.

Konsumkultur heißt aber, dass wir Dinge nicht nur wegen ihres Nutzens erwerben, sondern auch weil wir erwarten, uns durch sie als einem ganz bestimmten Lifestyle zugehörig definieren zu können. Als Käufer sind wir für die Produktentwickler fein nach Geschmackssegmenten sortiert, die Namen tragen wie etwa "Cool Dynamics". Darunter wird jene Gruppe verstanden, die durch ihre Ausrüstung dem Alltag den Anstrich einer Expedition verleiht, oder die "Demanding Enjoyers", bei denen der richtige Name auf dem Etikett steht, der außen klar in Erscheinung treten sollte.

Ein Ort, an dem mit großer Akribie diesen unseren Gewohnheiten...

...nachgeforscht wird, um mit den richtigen Produkten unsere Begehrlichkeit zu wecken, ist die Kreativagentur Designafairs in München. Im Besitz von Siemens, prägt sie im Bereich von Produkt- und Corporate-Design das Erscheinungsbild der Muttergesellschaft. Aus ihren Untersuchungen stammt die Systematik der oben erwähnten Konsumentengruppen, und ihrem Materialfundus sind die verschiedenen Verkleidungen für das Objekt im Status seiner Modefähigkeit entnommen. Wir müssten eigentlich mehrere Handys haben, eines für jeden der verschiedenen Anlässe und Situationen, in denen wir uns während des Tages bewegen.

In München wird versichert, dass das Vorrücken von Siemens auf Platz Zwei des deutschen Handymarktes vor allem den Anstrengungen von Designafairs zu verdanken sei. Erst, seitdem deren Produktgestalter mit Wünschen an die Siemens Technik heranträten und nicht deren fertige Apparate übernähmen, gäbe es wirklich große Erfolge. Wie man das auch vom Wristphone erwartet, das in ungefähr einem Jahr auf den Markt kommen wird und bei gleicher Leistung wie das derzeitige Spitzengerät durch Miniaturisierung einen neuen Ort erobern soll. So macht das Handy auch der Armbanduhr ihren bisher alleinigen Platzanspruch streitig.

"Es kommt darauf an, wie viel Wow in einer Sache ist",...

...meint Ulrich Skrypalle, der Leiter der Produktentwicklung, als er durch die Halle führt, "wie viel Überraschungsmoment in ihr steckt". Am liebsten jedoch hätten die Kunden Handys aus Echtmaterialien. Nur Patina sei authentisch, alles andere Theater, meinten sie. (Reiner Zettl)

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