Revolution per E-Mail

19. Juli 2005, 11:37
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Die meisten Touristen suchen in Manila nach Spuren der kolonialen Vergangenheit. Dabei verpassen sie die Helden von heute

Manche Kids benötigen einen extrahohen Stuhl, um überhaupt auf den Computer sehen zu können. Doch wenn sie da einmal sitzen und die Maus im Griff haben, dann sind sie nicht mehr zu bremsen. Willkommen in einem Maniler Internetcafé.

E-Mails, so scheint es, schreiben aber da nur die Ausländer, die anderen, Einheimische jeder Altersgruppe und nicht nur Burschen und Männer, sind hier, um zu spielen. Es schießt und kracht, es wird verfolgt und geschrien und gemordet. Und weil diese Geräuschkulisse offenbar nicht ausreicht, gibt's dazu noch Popmusik als Untermalung - egal ob diese Internetcafés nun spelunkenartige dunkle Höhlen, kleine Straßenlokale oder moderne Cybercafés in den schicken Einkaufszentren sind.

Zeitgenössische Kommunikationsmittel und schickes Shopping

gehören heute zum Alltag in Manila, zumindest für die, die es sich leisten können. Aber bummeln können alle in den glitzernden Malls. Die Manilenos zieht es weg von den staubigen Straßen und der Hitze - wirklich kühl wird es ja nie in der Stadt - hinein in die klimatisierten Einkaufszentren. Da können sie auf überdachten Plazas und an Brunnen Erholung finden. Nur eines bleibt sich draußen wie drinnen gleich - die Lautstärke, der Lärm von Millionen Fahrzeugen jeglicher Art da, der von tausendfacher Musikbeschallung dort.

Die Malls werden in kaum einem Reiseführer unter den Sehenswürdigkeiten angeführt, weil die noch immer an engen Begriffsdefinitionen festhalten. Kirchen müssen es sein und Museen, und alt müssen die Bauten sein, Geschichte ja, Zeitgeschichte nein. Die Orte der Helden der Vergangenheit sollen die Touristen aufsuchen; wo die heutigen Revolutionen stattfinden, bleibt unerwähnt.

Aber die guide-gemäße Sightseeing-Tour hat auch ihre Vorzüge.

So führt eine der ersten Wege nach Intramuros, wo die Stadt ihren Anfang nahm. Nirgendwo in Manila ist es so ruhig wie in den engen, teilweise noch kopfsteingepflasterten Straßen dieses alten Viertels oder dessen, was noch davon vorhanden ist. Denn als man, in der Erkenntnis, dass Touristen sich dafür interessieren, mit der Renovierung anfing, war manches nicht mehr zu retten.

Was geblieben ist, sind die Reste der einstigen Stadtmauern und innerhalb derer mehrere von den Spaniern errichtete Straßenzüge, deren Atmosphäre den Besucher sofort in eine andere Zeit versetzt. Die Kathedrale war nicht gerade gesegnet, immer wieder fiel sie Feuer, Erdbeben und anderen Kalamitäten zum Opfer, aber sie wurde jedes Mal wieder aufgebaut. Auf wunderbare Art verschont blieb dagegen die Kirche San Augustin aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert. Das ihr angeschlossene ehemalige Kloster beherbergt reiche klerikale und weltliche Schätze wie Gemälde, Skulpturen und Bücher.

Gleich um die Ecke von San Augustin liegt auch das Hotel Intramuros mit seinem Patio, der Loggia und dem Ballsaal. Wer das Alte schätzt, sollte hier absteigen, inmitten der "Ausgezeichneten und stets treuen Stadt" (Insigne y Siempre Leal Ciudad), als die König Philipp II. sie im 16. Jahrhundert ehrte. Sie war das politische, kulturelle, religiöse und kommerzielle Zentrum des spanischen Reichs im Osten und musste verteidigt werden können.

Ein Ort des Gedenkens

Etwa fünfzehn Minuten zu Fuß vom Hotel erreicht man das Fort Santiago, das einstige militärische Hauptquartier der spanischen und dann der amerikanischen Kolonialherren wie auch des japanischen Regimes während des Zweiten Weltkrieges. Hier war zu Ende des 19. Jahrhunderts der große philippinische Freiheitskämpfer Jose Rizal eingesperrt, bevor er schließlich hingerichtet wurde. Die Stätte seiner Gefangenschaft ist in einen Ort des Gedenkens umgewandelt worden und ein Blatt mit Rizals berühmten Abschiedsgedicht "Leb wohl, verehrtes Vaterland" (Adios, Patria adorada) im spanischen Original sowie in englischer und chinesischer Übersetzung ist frei erhältlich.

Das Fort liegt direkt am Pasig-Fluss, der - und nun sind wir bei den heutigen Helden oder was so dafür gilt - jüngst in die Schlagzeilen geriet. Nicht wegen Verschmutzung oder Schifffahrtsproblemen, sondern weil auch noch ein anderes wichtiges Gebäude - der Präsidentenpalast - an ihm liegt, aus dessen Hintertür sich ein gewisser Joseph Estrada samt Familie fluchtartig auf ein Boot begab und übers Wasser aus dem höchsten Staatsamt davon fuhr.

1998 war er, vorwiegend mit den Stimmen der Armen des Landes, zum Staatschef gewählt worden. Im Jänner 2001 musste er dem Druck der Straße weichen. Und damit sind wir wieder bei der modernen Kommunikation. E-Mails, vor allem aber Handys und SMS-Messages, sollen eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung der Estrada-Gegner gespielt haben. Der Treffpunkt für ihre Großkundgebungen war ein Ort, der schon einmal Geschichte machte: der Edsa-Schrein direkt an einer der lärmenden Hauptverkehrsachsen Manilas. Errichtet wurde er im Gedenken an den Sturz von Diktator Ferdinand Marcos im Jahre 1986 durch die erste so genannte People-Power-Revolution. Die zweite hat nun Estrada aus dem Amt gedrängt.

Noch liegt der Edsa-Schrein (wenige Gehminuten von der Stadtbahn-Station Ortigas) an keiner Touristenroute, genauso wenig wie das Schuhmuseum im etwas ferneren Stadtteil Marikina (am besten mit Taxi oder Bus erreichbar), das einige hundert Paar aus Imelda Marcos' gigantischer Sammlung beherbergt. Nicht, dass sie jetzt weniger hätte, hat die einstige First Lady einem beunruhigten Pressevertreter in einem Interview versichert. Sie hat eben andere.

Wie weitere Politiker, die - zumeist völlig unbemerkenswerte - Exemplare aus ihrem Besitz dem Museum vermacht haben. So wissen wir, worin Gloria Macapagal Arroyo am Tage ihrer Angelobung als Vizepräsidentin stand. Das Schuhpaar, das sie zur Ablegung ihres Amtseids als Nachfolgerin von Estrada und neue Staatschefin in diesem Jänner trug, hat sie noch bei sich behalten. Aber wer weiß. Noch ist nicht sicher, wie viele People-Power-Revolutionen die Philippinen noch erleben werden - und welchen Einfluss das auf die Sammlung des Schuhmuseums haben wird. Brigitte Voykowitsch

Infos: Tourismusamt Philippinen, Frankfurt
Tel. 0049 / 69 / 20 893, Hotel Intramuros,
E-Mail:htip@info.com.ph, Tel. 00632/524 6730 bis 32,
Fax 527 5093

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