Pasta politica

27. Mai 2001, 23:49
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Die ganze Welt liebt italienische Zustände auf den Tellern. Nach kurzer Ernüchterung lässt sich feststellen: Die Pasta ist als Kulturgut vom Wahlergebnis letztlich unabhängig

Jetzt, amici ed amiche, haben wir den vaso (sprich: Scherbn) auf. Silvio Berlusconi ist statt im Häfen auf dem Regierungsbankl gelandet (apropos, was sagt il ministro Böhmdorfer eigentlich zur journalistischen Verunglimpfung eines Regierungscapo eines befreundeten Stato?). Egal, jetzt schauen wir jedenfalls drein, als ob uns die polli das pane weggefressen hätten, also ungefähr so wie unser Tommaso presidente seinerzeit bei der Angelobung unseres derzeitigen governo federale. Si si, der Arrer und der Volpe hat's kurzfristig den appetito verschlagen.

Aber nicht die Blödheit, werden einige unserer Leserbriefschreiber und Leserinnenbriefinnenschreiberinnen sagen - und sie haben Recht, ahim`e. Sie müssen wissen, der Widerstand nimmt uns mächtig her. Haben wir unser Quantum im letzten Wendejahr aus patriotischen Gründen um eine halbe Flasche welschen (!) Rieslings täglich erhöht - jetzt erst recht! -, so legen wir in solidarischer Resistenza dagegen, dass konsumtrottelproduzierende Großkapitalisten so einfach Länder ihren Firmenimperien einverleiben können, ab dato noch eine Grappa drauf. Keinen, der in den Berlusconi-Supermärkten verkauft oder im Berlusconi-Fernsehen beworben wird, si intende.

Aiuto, bei der Pasta wird das schon ein bisschen schwieriger.

Die gute alte Barilla kann ja schließlich nichts dafür, und wer säuft, muss essen und schnell, presto! Darum gibt es heute Pastasaucen, die mehr oder weniger fertig sind, während die Nudeln kochen. Wir haben Pasta vor Berlusconi gegessen, und wir werden Pasta nach Berlusconi essen. Und dazwischen auch.

Gerne hätten wir auch das Bild eines spaghettifressenden Silvio B. über diese Geschichte gestellt - aber glauben Sie, der lässt sich dabei erwischen, dass ihm ein Pomodorotröpfchen den goldbronzenen Teint oder den blütenweißen Brustlatz versaut? Vielleicht isst er aber auch gar nicht - und das Gegenteil natürlich auch nicht. Und seine Kinder hat er, na lassen wir das lieber. Jedenfalls, der Mann hat etwas absolut Hygienisches. Hyänisch Hygienisches. Die Harrer ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch, so wie damals nach dem Tod der Lady Di, sagt die Fuchs. Damals war es aber nichts Kulinarisches, echt nicht, sagt die Harrer.

Also gut,...

kaufen Sie Babyzucchini mit Blüten und weichen Sie sie in Desinfekionsmittel ein. Okay, vergessen Sie's. Jetzt im Ernst: Für vier Personen in vier Esslöffeln Olivenöl eine fein gehackte Zwiebel anschwitzen, ein Brieferl Safran in zwei Esslöffeln warmen Wassers auflösen und untermischen. Von acht Babyzucchini die Blüten abtrennen, vier Blüten, die Früchte und einen halben Bund Basilikum in feine Streifen schneiden, einen halben Bund Petersilie fein hacken, alles zur Zwiebel geben, mit einem Achtel Liter Rindsuppe aufgießen und kurz sanft köcheln lassen, salzen und pfeffern. Die restlichen vier Zucchiniblüten ganz kurz vorsichtig mitdünsten. Inzwischen haben Sie ein Viertel Kilo Fettuccine al dente gekocht, der Gemüsesugo wird untergemischt und mit den Zucchiniblüten dekoriert, dazu gibt es geriebenen Pecorino.

Da sind wir fast schon wieder mit Italien versöhnt. Caro Signor Bossi, den Safran haben i negri e gli arabi mitgebracht, die bösen immigranti! Aber dem narrischen Umberto aus den Bergamasker Bergen haben unsere lieben Nachbarn und Nachbarinnen auch ohne unsere Belehrung eine ganz schöne Abfuhr erteilt. Es hätte immer auch schlimmer kommen können.

Und weiter geht es: Für all jene, die sich am Pesto schon abgegessen haben (gibt's denn so was auch?), eine Kräuterblitzpasta von dem in Londra, Inghilterra, residierenden Zio Antonio Carluccio: In 75 g Butter eine halbe kleine, feingehackte Zwiebel andünsten, 25 g Pignoli und eine sehr fein gehackte Knoblauchzehe zufügen und noch zwei Minuten braten, abgeriebene Schale einer halben Limette und acht Esslöffel gemischte Kräuter (Kerbel, Petersil, Schnittlauch, Basilikum, Minze, Salbei, Rosmarin und Fenchelblätter), Salz, Pfeffer und falls notwendig etwas Hühnersuppe untermischen und nur ganz kurz erwärmen (keinesfalls garen!), mit einem Viertel Kilo inzwischen gekochten Tagliolini und vier Esslöffel besten Olivenöls vermischen und mit Parmesan bestreuen.

Da hätten wir noch was, die in Postdegustationsdesperation (also,...

...wir waren bei einer Weinverkostung, und weil der fuchsische Balg grantig war, trauten wir uns danach nicht in ein Wirtshaus, deshalb landeten wir bei der nicht eingekauft habenden Harrer) wiederentdeckte Pasta con la Bottarga, schmazzo. Die Bottarga ist, wie unsere italophilen Brüdern und Schwestern natürlich wissen, gesalzener, luftgetrockneter Rogen von Meeräschen oder Thunfisch, sie wird in Süditalien in dünne Scheiben geschnitten, mit Olivenöl und Zitronensaft beträufelt und als Vorspeise verzehrt oder - Protein hard core - über die Eierspeis gerieben. Wir wussten auch nicht mehr genau wie man Bottarga mit Pasta isst und haben's so gemacht und für saugut befunden: In Olivenöl eine feingehackte Zwiebel und mindestens eine Knoblauchzehe anschwitzen, mit Obers und etwas Weinderl aufgießen (würde ein Süditaliener niemals tun, aber irgendwoher muss das Saucerl ja so schnell kommen, geht aber natürlich auch ohne - dafür dann noch ein kräftiger Schuss Olivenöl aufs fertige Gericht) und stark einkochen lassen, ein Viertel Kilo (ungeschälte) Cocktailparadeiser (etwas anderes hatten wir gar nicht) in kleine Stückerl schneiden, in einem Sieb überschüssigen Saft abtropfen lassen und erst kurz, bevor die Pasta (es waren Spaghetti) fertig ist, in der Sauce kurz erwärmen, sodass sie ihre Frische bewahren.

Mit den Nudeln und der geriebenen Bottarga vermischen, ordentlich ...

...pfeffern, da die Bottarga ziemlich salzig ist, diesbezügliche Zurückhaltung - eine kräftige aber dennoch sommerlich frische Angelegenheit. Das auf die Türschwelle des himmelblauen Casa delle Libert`a des Silvio Berlusconi gestrichen, kommt niemand mehr heraus. Sie müssen alle drin bleiben und bis zum Ende der Legislaturperiode den Forza-Italia-Song singen. Und alle Berlusconi-Stationen übertragen 24 ore su 24. Und den Italienern und Italienerinnen graust's alsobald gewaltig.

Aber nicht vor unseren Spaghetti alla Caprese aus Kampanien: Für sechs Personen ein halbes Kilo sehr reife Paradeiser enthäuten, Kerne entfernen und in Stückchen schneiden, in einer Pfanne drei Esslöffel Olivenöl erhitzen, Paradeiser zufügen, leicht salzen und auf großer Flamme eine Viertelstunde kochen. In der Zwischenzeit fünf Deka entgrätete Sardellen abwaschen, gut abtropfen lassen und mit zehn Deka in Öl eingelegtem Thunfisch und fünf Deka schwarzen, entsteinten Oliven im Mörser zu Püree stampfen, am Schluss einige Esslöffel Olivenöl zufügen und auf winziger Flamme kurz erwärmen. Die sehr heiße Paradeissauce mit 60 Deka al dente gekochten Spaghetti, dem Fisch-Olivenpüree und 15 Deka in kleine Würferl geschnittener Mozzarella vermischen, ordentlich pfeffern. Damit es frischer wird, kann man in letzter Minute unter die heiße Sauce auch noch gehackte Cocktailparadeiser mischen. Geht es Ihnen jetzt besser? Uns auch. Arrivederci. Dopo il diluvio. Gudrun Harrer, Christa Fuchs

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