Da Acker, de Sengst und de Bia

31. Mai 2001, 09:56
posten

Sie ist die Leitfrucht einer burgenländischen Region. Wenn die Ananas, die Ananas-Erdbeere genau gesagt, reif wird, belebt sie die ganze Gegend.

Kinderseelen sind ganz tief gespaltene Angelegenheiten. Einerseits neigen sie zur hemmungslosen Schleckermäuligkeit, werfen eine Ananas nach der anderen ein. Andererseits leiden sie so fürchterlich unterm Pflegeaufwand, dass sie, erwachsen geworden, immer noch nur den einen Traum haben: "I steh am Acker mit der Sengst und mah de Bia oo."

Psychoanalyse auf kabarettistisch. Wenn Franz Neusteurer und sein Bruder Josef im Bezirk Mattersburg auftreten - als die zwei Deppen, die sie sich selber nennen - tobt der leidgeprüfte Saal. "I steh am Acker mit der Sengst und mah die Bia oo", singen sie. Und beim zweiten Refrainansatz singt der Saal voll Inbrunst mit. Denn kaum jemanden gibt es zwischen Forchtenstein und Marz, zwischen Sauerbrunn und Wiesen, der diesen Traum nicht kennen würde: die Sense einpacken frühmorgens, auf den elterlichen Acker hinausziehen und all die Erdbeerpflanzen, diese mühsalbeladenen Genussspender, einfach umsäbeln. Kein Bücken mehr, kein Brocken, kein Heindeln mehr, kein Mulchen. Einfach die Sengst packen an ihren zwei Griffen und die Beeren zum Verschwinden bringen. "Es war wirklich eine Sisyphosarbeit", erzählt Franz Neusteurer, ein Banker mittlerweile. Aber so ausgedrückt klänge das Ganze zu moderat. Tatsächlich lässt sich über den Erdbeeranbau in der burgenländischen Region Rosalia nur ein wahrhaftiger Satz sagen: "Ich steh am Acker mit der Sengst und mah de Bia oo."

Warum gerade die Dörfer am Osthang des Rosaliengebirges zum traditionsreichsten Erdbeer-Anbaugebiet Österreichs geworden sind, kann niemand mehr genau sagen. Das Klima, vermuten die einen. Der Boden, mutmaßen andere. Verbürgt ist nur, dass die Bäuerinnen aus dem ungarischen Wiesen schon zu Kaisers Zeiten beliebt gewesen sind auf den Wiener Märkten. Der Seewinkel lieferte - neben den ungarischen Rindern und Schweinen - das Gemüse in die Reichshaupt- und Residenzstadt, die Rosalia aber das Obst. Darunter das Edelste, die Erdbeere, die sie hier Ananas nennen. (Im Gegensatz zur Hawaii-Ananas, die bekanntlich scheibenförmig in Dosen wächst und gelb ist.)

Ende Mai ist's, Anfang Juni. Die Alten stehen gebückt am Acker und zupfen und heindeln und schütten das Stroh zwischen die Pflanzen. Am Ackerrand, bei der Straße vorne, haben sie eine Hütte hingestellt, da sitzt jetzt die Moam und wartet auf die Fremden, die nun angefangen haben, sich hier herumzutreiben auf der Suche nach den köstlichen Beeren. Ein Steigerl Ananas, frisch vom Acker, in der genau richtigen Röte. Sind sie ein bisserl drüber schon, weich und saftelnd, dann sind sie reif fürs Einkochen, reif dafür, die Küche mit diesem unglaublichen Duft zu parfümieren, der einem mit geradezu magischem Eifer erzählt, was die Welt an einer Marmeladepalatschinke hat. Daneben rastet der Topfenteig für die Ananasknödel. Oder das Biskuit für die Ananastorte. Oder einfach nur so, die Ananas. Der Kindermund - und welcher Mund wäre keiner? - tunkt sie überflüssigerweise in Staubzucker, und die Süße überfällt einen wie eine Gänsehaut.

Die Touristiker haben den Wert der Ananas schon entdeckt.

"Die süße Region" nennen sie den Landstrich zwischen Neudörfl an der niederösterreichischen und Schattendorf an der ungarischen Grenze. Die Ananas ist die Leitfrucht.

Aber anders als in den großflächig hingesäten Erdbeerländern ist hier diese Leitfrucht eingebettet in eine beinahe schon anachronistisch gewordene Landwirtschaft. Die schmalen Streifen, Resultat der Realteilung im ungarischen Erbrecht, zeichnen die Landschaft. Bestimmend sind hier aber nicht die Äcker, sondern die Streuobstwiesen, Heuflächen mit altem Kirschbaumbestand. Ein geradezu überwältigender Anblick zur Blütezeit, ökonomisch gesehen freilich der helle Wahnsinn, gäbe es nicht doch Menschen, die extra deshalb hierher kommen, weil sie davon überzeugt sind, dass die Schönheit des Landes und die Güte der darauf wachsenden Früchte in engem Konnex zueinander stehen.

Ende Mai ist's, Anfang Juni. Die Fremden, wie man hier, im Abseits des geregelten Tourismus die Gäste noch nennt, haben schon angefangen, zungenschnalzend durchs Land zu ziehen. Drei Wochen dauert die Ananaszeit, drei, vier Mal wenigstens geht's hinaus auf den Acker, Bia grosn. Neben den Ananas reifen die Kirschen. Die Marillen und die Pfirsiche brauchen noch ihre Zeit, die Äpfel und die Birnen bereiten sich in aller Ruhe auf den Herbst vor. In dem lockt die Region rund um die alte Esterházy-Burg Forchtenstein mit einer anderen Leitfrucht. Mit der Maroni. Die Edelkastanie wächst hier wild und wälderweise. Gerade noch. Ein paar Kilometer nördlich ist es ihr bereits zu kalt.

Die Hauptstadt des Ananaslandes ist Wiesen. "Österreichs

älteste Erdbeergemeinde" nennt es sich selbst. Und was immer das auch bedeuten mag, die Wiesener sind stolz darauf. Die Erdbeere, die Ananas, die Bia ist so sehr ein Stück ihrer selbst, dass sie immer noch und der Kostenrechnung zum Trotz ohne Sengst hinausziehen auf den Acker. Und weil sie so stolz darauf sind, machen sie ein Fest daraus. Am 24. Juni steigt der Ananaskirtag, und eine Ananaskönigin gibt's natürlich auch.

Irgendwo im Kirtagstrubel trifft man vielleicht auf einen bärtigen, älteren Herrn. Das ist der Bogner Franz, der sich vor 25 Jahren in den Kopf gesetzt hat, aus dem kleinen, biederen Wiesen ein großes, fetziges Woodstock zu machen. Irgendwie ist ihm das auch gelungen. Nicht zuletzt deshalb, weil Gaumenfreude und Ohrenschmaus halt zusammengehören. So wie die Plage und der Genuss. Zu dem aber gehört auch der Traum von der Sense, der ja nichts anderes meint, als dass es irgendwo einen Ort und irgendwann eine Zeit geben möge, an dem und zu der einem die Ananas ganz von selbst in den Mund fliegen.
(Von Wolfgang Weisgram)

Share if you care.