Exekution des "Che" war ein Fehler

23. Mai 2001, 08:06
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Ex-Kommandant: "Tod des Revolutionärs schuf erst den Mythos"

Mexiko/Mailand - Der bolivianische Offizier, der den argentisch-kubanischen Revolutionär Ernesto "Che" Guevara, festnahm, hält die Exekution des Guerrillaführers heute für einen Fehler. Erst seine Hinrichtung habe den Mythos des "Che" geschaffen, erklärte Gary Prado, der heute Botschafter Boliviens in Mexiko ist, in einem Interview mit der spanischen Zeitung "El Mundo". Die Erschießung Guevaras sei ein "historischer und politischer Fehler gewesen".

Prado hatte als junger Hauptmann der bolivianischen Armee am 8. Oktober 1967 mit seiner Einheit beim Dorf La Higuera den weltberühmten Guerrillero festgenommen, der an einem Bein verletzt war. Von da an blieben "Che" noch 18 Stunden zu leben, in denen er sich mit Prado unterhielt. Laut dem 62-jährigen Botschafter habe Guevara gesagt, die Entscheidung, in Bolivien einen revolutionären Aufstand zu initiieren sei von höchsten Stellen in Kuba ausgegangen, auch wenn Fidel Castro selbst nicht eingebunden gewesen sei. Prado versicherte Guevara, dass er nicht umgebracht und es einen Prozess gegen ihn geben werde.

Am Morgen des 8. Oktober empfing Prado seinen Vorgesetzten, Oberst Joaquin Zenteno, und einen aus Kuba stammenden CIA-Agenten. Sie schickten den jungen Offizier fort. Als Prado zurückkam, wurde ihm mitgeteilt, dass Guevara erschossen worden sei. Seine Leiche wurde im Hubschrauber weggebracht. Die Hinrichtung war vom damaligen bolivianischen Präsidenten Rene Barrientos angeordnet worden. Sie sei unter den damaligen Umständen verständlich gewesen, zumal ein Prozess gegen Che in ein Medienspektakel ausgeartet wäre, räumte Prado ein.

Mit der Hinrichtung Guevaras sei es dem Castrismus aber gelungen, einen Mythos zu schaffen und damit eine politische und militärische Niederlage zu verschleiern, meinte Prado. Als er Che gesehen habe, habe er keinen Mythos in ihm erblickt, sondern einen mitleiderregenden Mann, der verletzt, schmutzig und demoralisiert gewesen sei.

Die Verantwortlichen für die Tötung des Che seien jedoch Opfer von dessen "Fluch" geworden, wie die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" schreibt. Der Bauer, der Guevara verraten hatte, wurde umgebracht, Präsident Barrientos verbrannte bei einem Hubschrauber-Absturz. Der kubanische CIA-Agent, der an der Ermordung mitgewirkt hatte, erkrankte an Asthma, an der selben Krankheit, an der Guevara sein ganzes Leben gelitten hatte. Und Oberst Zenteno wurde in Paris auf offener Straße von Linksextremisten erschossen.

"Alles Aberglaube", meinte Prado dazu. "Ich bin General, Minister und Botschafter geworden", erklärte er, während er langsam seinen Rollstuhl bewegte. Prado ist gelähmt, seit eine verirrte Kugel seinen Brustkorb durchschlug. (APA)

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    Ernesto "Che" Guevara

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