Politik moderiert "ZiB" - von Harald Fidler

23. Mai 2001, 12:28
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Man muss ja nicht alles neu erfinden im Fernsehen. Ganz im Gegenteil: Wenn "Big Brother" RTL 2 tolle Quoten beschert (kaum zu glauben, das ist kaum ein Jahr her), antwortet man rasch mit "Taxi Orange". Und wenn RTL mit Günter Jauch und dem eigentlich britischen Format "Wer wird Millionär?" noch viel tollere Quoten einfährt, antwortet man mit Barbara Stöckl und der "Millionenshow".

Zeitgerecht zum Finale um das neue ORF-Gesetz - Dienstag soll es vom Ministerrat auf den Weg in den Nationalrat gebracht werden - liefert wiederum Deutschland eine interessante Anregung: Parteichefs dürfen für einen Tag mit Chefredakteuren tauschen, zuletzt FDP-Vorsitzender Guido Westerwelle mit dem Redaktionsleiter von Sat.1. Zum krönenden Abschluss konnte er selbst noch die Spätabendnachrichten moderieren.

Im ORF kam man bisher über halbherzige Versuche in diese Richtung nicht hinaus, man erinnere sich an die Einblendung von FP-Klubchef Peter Westenthaler als Big Brother in "Betrifft". Wie viel einfacher wäre es, würden er und sein VP-Pendant Andreas Khol abwechselnd die "ZiB 3" moderieren, an der sich Westenthaler in den vergangenen Monaten so oft stieß? Und wie viel offener wäre der nur kurz nach dem Regierungswechsel begonnene personelle Umbau in der ORF-Information?

Im Gegenteil bekundet die Regierung, Politiker sogar vom Aufsichtsgremium des ORF, dem künftigen Stiftungsrat, fern zu halten. Dass jedoch weiterhin der überwiegende Teil dieser Räte von Regierung, Parteien und Bundesländern bestimmt wird, deutet nicht gerade auf deutlich mehr Unabhängigkeit hin. Ebenso wenig die Jobrotation in den "ZiBs".

In Deutschland soll der Rollentausch übrigens "konstruktiv-kritischem Miteinander" dienen. Hier fehlt eher die Distanz.

(DER STANDARD, 23.5.2001)
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