Algeriens Aufstand - von Markus Bernath

22. Mai 2001, 19:56
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Algerien hat nun seine eigene Intifada - zynischer könnte der Befund kaum sein für den Staat, der in ruhigeren Jahren einmal Gewicht in der arabischen Liga hatte, die Bewegung der Blockfreien mit anführte und im Übrigen diplomatische Beziehungen zu Israel stets ablehnte. Doch der seit Wochen dauernde Aufstand der jungen Berber in der Kabylei gegen Regierung und Armee lässt sich nicht eindämmen. Angestachelt durch die Fernsehbilder aus Nahost schleudern auch die Jugendlichen in Tizi Ouzou oder Bejaïa Steine gegen die verhasste Staatsgewalt und bestatten anschließend ihre "Märtyrer", die von Armee und Polizei erschossen wurden.

Ein Kreis schließt sich in Algerien: Der Aufstand von Schülern und Studenten im Oktober 1988 hat den sozialistischen Einparteienstaat zum Einsturz gebracht; die Rebellion der jungen Berber vom Frühjahr 2001 zieht den Schlussstrich unter ein Jahrzehnt der Demokratisierung, die im Krieg gegen die Islamisten stecken blieb.

Führende Berberpolitiker, die bis vor kurzem noch in der Regierung saßen, rufen nun zu einer Sammlung aller republikanischen Kräfte auf. Sie soll die Jugend beruhigen, die gegen das "soziale Unrecht" anrennt: die Arbeitslosigkeit, Willkür der Behörden, Unsichtbarkeit der eigentlichen Machthaber im Land. Und die Demokraten wollen einen neuen Versuch unternehmen, um Algeriens Machtsystem aufzubrechen. Denn zwei Jahre nach seiner Wahl scheint Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika am Ende seiner Kunst - eingespannt zwischen den Militärs, die ihn ins höchste Amt hievten, und der Bevölkerung, die sich von seinem Rednertalent aufrütteln ließ, aber sich längst enttäuscht abgewendet hat. Soll der politische Wandel dieses Mal gelingen, müssen die Demokraten die Unterstützung zumindest einiger Generäle gewinnen. Ein Argument haben sie: Der Fundamentalismus hat heute in Algerien keine Basis mehr.
(DerStandard,Print-Ausgabe,23.5.2001)

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