Großmannssucht an Rhein und Ruhr

22. Mai 2001, 21:47
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Ein Festival soll Ruhrpott-Probleme lösen

Ein anständiges Stück habe man anständig zu spielen, rief ein verärgerter Zuschauer unlängst während der Premiere von Michael Thalheimers Liliom-Inszenierung in Hamburg. Der Name des Zwischenrufers, der jetzt auf dem Podium des Krefelder Seideweber-Hauses strandete: Klaus von Dohnányi, der Hamburger Exbürgermeister, leiht dem "Publikum" die Stimme - beunruhigt sei er über die Entwicklungen im Theater. Bloß ein Altersproblem sieht darin sein Diskussionspartner, der Süddeutsche-Kritiker C. Bernd Sucher.

Denn: Ein Theater müsse sich entscheiden, ob es für das Feuilleton produziere oder für die Zuseher, so Sucher. Doch erst seine Bemerkung, die Kritik fahre nicht gerne zu Faust nach Memmingen, erntete lautstarken Protest: vom Memminger Intendanten.
War das Krefelder Thema bloß die aktuelle Theatersituation, wird im Duisburger Lehmbruck-Museum gleich "Das Festival im 21. Jahrhundert" bewältigt, so wie es für die Ruhr-Triennale neu erfunden wird von NRW-Kulturminister Michael Vesper und seinem designierten Intendanten Gerard Mortier. Während der sinnenfrohe Belgier beim Wort Festival vor allem an Gemüse und Erdbeeren denkt, erhofft sich sein Dienstherr, dass die Festspiele die "Streichhemmung" gegenüber der Kultur vergrößern würden. Bis zu 280 Millionen Schilling soll das Land jährlich hinblättern, auf dass die Kunst an Rhein und Ruhr beflügelt werde.

Auch wenn die unverbesserliche Skeptikerin Verena Auffermann zu fragen wagte, ob denn das Salzburger Landestheater jemals von der Qualität der Festspiele profitiert hätte: Mit dem Beginn der allumfassenden Triennale soll im Ruhrgebiet das kollektive Wirgefühl ausbrechen.

Auch wenn derzeit in Dortmund noch ein großer Konzertsaal gebaut, in Essen einer umgebaut und in Bochum ein weiterer geplant wird, während die Duisburger Mercatorhalle fallen soll: Schon 2003 werden die Kommunalpolitiker geläutert Abbitte leisten für Kirchturmpolitik und Verschwendungswahn. Selbst die Kritiker werden nichts mehr zu mäkeln haben, dann, im Vesperland. (Rolf C. Hemke)
(DERS STANDARD, 23.5.2001)

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