Zwischen Traum und Wunderglauben

22. Mai 2001, 19:36
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Palästinenser im Libanon - ein Jahr nach dem israelischen Abzug

Beirut/Wien - An der Straße, die nach Ein el-Hilweh hineinführt, hat die libanesische Armee einen Checkpoint aufgebaut - hinein in das größte palästinensische Flüchtlingslager im Libanon traut sie sich nicht. Die armselige Stadt mit ihren 80.000 Einwohnern gilt als unsicheres Pflaster für Besucher, aber als sicherer Hafen für Leute, die von den libanesischen Behörden verfolgt werden - so wie Munir Makdah, der verdächtigt wird, in einige Anschläge verwickelt zu sein. Der Fatah-Mann, mit seinem Bart und seiner Uniform eine Art islamistischer Fidel Castro - er gibt mir, einer Frau, auch nicht die Hand -, hatte sich nach Beginn des Oslo-Prozesses von Yassir Arafat distanziert, heute sind sie wieder "ein Team".

Wenige Tage vor dem Gespräch haben die Israelis vor Tyrus ein Schiff mit für Gaza bestimmten Waffen aufgebracht: Strella-Flugabwehrraketen, Katjuschas, Granaten mit Treibsatz - alles Dinge, die über die übliche palästinensische Bewaffnung hinausgehen. Auf die Frage, wie denn er die Intifada unterstütze, lächelt Makdah kryptisch: Auch Ahmed Jibril von der in Syrien ansässigen "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP-GC), der Absender der Waffen, habe sich erst geäußert, nachdem die Israelis eines seiner Schiffe erwischt haben. So will auch er es halten.

Unter diesen Umständen kein Wunder, dass Sultan Abul Aynayn, Kommandant der Fatah im Libanon, fast damit rechnet, dass die Israelis bald einmal palästinensische Lager im Libanon angreifen. Makdah ist es egal, wenn seine Drohungen wie eine Einladung dazu klingen: "Im Gazastreifen werden wir in wenigen Monaten gesiegt haben, und in der arabischen Welt wird sich einiges ändern" - das geht gegen Ägypten und Jordanien, die "die Intifada niederringen wollen". Und "wir werden amerikanische Ziele treffen". Wer ist "wir"? "Wir, das arabische Volk."

Im Besucherraum des Hauses von Fuad Osman von der (marxistischen) "Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas" (DFLP) läuft der Fernseher - Manar, die Station der islamistischen Hisbollah ist allgegenwärtig. Osman träumt von einem befreiten "multikulturellen Palästina", in dem (alteingesessene) Juden und Palästinenser zusammenleben, aber das sei eben sein "Traum", sagt er, "während Makdah an Wunder glaubt". Die Intifada sei dazu da, um den UNO-Plan - einen Staat für die Palästinenser, einen für die Israelis - zu verwirklichen, nicht mehr. Aber wie werden es die Flüchtlinge und ihre Nachkommen im Libanon - 350.000, davon noch etwa 100.000 in "Palästina" geboren - aufnehmen, wenn sie nicht in ihre in Israel gelegenen Dörfer zurückkehren können und gleichzeitig im Libanon den Flüchtlingsstatus verlieren, wie es libanesische Offizielle für den Fall einer palästinensischen Staatsgründung ankündigen? Osman weiß das nicht einmal für sich so genau: Ja, er würde in einen palästinensischen Staat ziehen, aber gleichzeitig "bedeutet so ein Friede nichts für mich, ich würde weiterkämpfen, mit der Waffe - oder mit Worten".

"Wir sind doch zivilisiert"

Bei meinem Spaziergang durch Ein el-Hilweh - mein libanesischer Fahrer bettelt mich ständig an, doch kehrtzumachen, er hat Angst, ausgeraubt zu werden - begegnet uns das übliche, eher gut gelaunte Intifada-Gebrüll von Jugendlichen, nur ein alter Mann nimmt mir das Fotografieren übel: Sie könnten doch nichts dafür, dass sie hier in diesem Elend leben, die Palästinenser seien doch zivilisierte Menschen. Tatsächlich ist ihre Situation bedrückend: Die Abneigung vieler Libanesen gegen die Palästinenser, die ihren Krieg in den Libanon getragen und dadurch den Bürgerkrieg mitverursacht hätten, sitzt tief. Einbürgerungen wird es nicht geben, das prekäre Gleichgewicht zwischen den konfessionellen Gruppen im Libanon soll nicht verändert werden. (DerStandard,Print-Ausgabe,23.5.2001)

von Gudrun Harrer

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