"Börsenschwindel" oder "kollektiver Irrtum"

25. Mai 2001, 15:57
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Podiumsdiskussion anlässlich Buchpräsentation "Der Börsenschwindel"

Wien - Geteilter Meinung bei der Suche nach einem Schuldigen für die Börsenkrise der Jahre 2000 und 2001 waren Experten anlässlich der Präsentation des Buches "Der Börsenschwindel" am Montagabend in Wien. Während der Autor des kontroversiellen Buchs, Günter Ogger seine Kernthese einer "Gaunerveranstaltung" und eines gezielten Betrugs am Kleinanleger vertrat, sprachen die anderen Diskutanten von einem kollektiven Fehlurteil.

Noch knapp vor Beginn der weltweiten Korrektur der Börsen - allen voran der Wachstumsmärkte - habe es fast keine Verkaufsempfehlungen von Seiten der Analysten gegeben, argumentiert Ogger. Die Experten hätten sich wieder besseren Wissens mit immer optimistischeren Bewertungen überboten, und das zu einem Zeitpunkt als das Kursniveau bereits "jegliche Realität hinter sich" gelassen habe. Analysten, Fondsmanager und Medien hätten die Kleinanleger gezielt getäuscht, um von der Boombranche der Wertpapierveranlagungen zu profitieren.

Kollektiven Fehlurteil

Investkredit-Vorstand Wilfried Stadler sprach hingegen von einem "kollektiven Fehlurteil", der dem Börsenboom des ausklingenden 20. Jahrhunderts zu Grunde gelegen habe. Einer der spekulativen Irrtümer war laut Stadler die Praxis, bei Börsengängen die Marktkapitalisierung vergleichbarer Unternehmen als primären Bewertungsmaßstab anzulegen. Analysten hätten sich generell zu stark an den Empfehlungen von Kollegen als an fundamentalen Daten orientiert. Der Versuch mit dem Konzept der "New Economy" die grundlegenden Spielregeln der Betriebswirtschaftslehre außer Kraft zu setzen, sei aber letztlich gescheitert.

Aber auch auf Anlegerseite habe es Verfehlungen gegeben, so der Präsident des Interessensverbands der Anleger (IVA) Wilhelm Rasinger. Privatanleger würden ihre Dispositionen zu oft auf Grund von Schlagwörtern und Tipps treffen, statt sich im Emissionsprospekt über die Risikofaktoren zu informieren. Mitverantwortung sei aber auch bei Abschlussprüfern und Analysten, sowie dem "fantasielosen" Vorgehen einzelner Fondsmanager, die sich oft nur an teuren Indexwerten orientieren, zu suchen. Letztlich forderte Rasinger auch ein aktivere und verantwortlicher Tätigkeit der Aufsichtsräte. (APA)

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