Indien: Hoffnungen auf Entschädigung von Bhopal-Opfern schwinden

22. Mai 2001, 14:35
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Verursacher Union Carbide fusioniert mit Dow Chemicals

Mumbai - Den Opfern der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal droht jede Hoffnung auf eine Entschädigung zu schwinden. Der Verursacher des schlimmsten Unglücks der Industriegeschichte, das US-Unternehmen 'Union Carbide', ist im Februar mit 'Dow Chemicals' fusioniert, und Dow lehnt jetzt jede Verantwortung ab.

Anfang Mai erklärten Vertreter von Dow im Gespräch mit der Vereinigung der Opfer von Bhopal (NCJB), dass dem US-Unternehmen "keine Verantwortung in dem Fall zukommt". Während die NCJB forderte, wenigstens das immer noch verseuchte Gebiet zu reinigen und genaue Angaben über die vor fast 17 Jahren freigesetzten Giftstoffe zu machen, stellte Dow klar, gegen jede Schadensersatzforderung kämpfen zu wollen.

Dow verklagte sogar Aktivisten, die am 28. Februar das Büro des Unternehmens in Mumbai, dem ehemaligen Bombay, gestürmt hatten und fordert 77.000 Rupien (umgerechnet 1.674 US-Dollar) Schadensersatz. Für alle weiteren Fragen steht das Dow-Büro in Mumbai seit dem Gespräch vom 2. Mai nicht zur Verfügung. Wie es heißt, soll sich der zuständige Geschäftsführer auf Auslandsreise befinden.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984 war in der Union- Carbide-Fabrik in Bhopal bei Reinigungsarbeiten ein Tank mit Methylisocyanat explodiert, das in der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln verwendet wird. Dabei entstanden das im Ersten Weltkrieg als Kampfgas eingesetzte Phosgen und Blausäuregas.

Die freigesetzte Gaswolke tötete in einer Nacht mindestens 4.000 Menschen, die qualvoll erstickten. Vermutlich weitere 4.000 Bewohner der Armenviertel um die Anlage starben in den drei folgenden Tagen. Seitdem sind nach Angaben der NCJB insgesamt 20.000 Menschen an den Spätfolgen gestorben, weitere 15.000 leiden weiter und müssen nach Angaben von Ärzten einen langsamen Tod erwarten. Zwischen 120.000 und 500.000 Menschen trugen durch das Unglück dauerhafte Gesundheitsschäden davon.

Union Carbide einigte sich nach jahrelangem Gezerre mit Indien in einem außergerichtlichen Vergleich auf einen Schadensersatz von 470 Millionen US-Dollar und gab die Fabrik auf, die nun dem indischen Staat gehört. Seitdem aber verrottet die Anlage und entlässt ihre Giftfracht nach und nach in die Umgebung. Mindestens 5.000 Familien leben immer noch in der Nähe der Fabrikruine und entnehmen dort ihr mutmaßlich hochgradig verseuchtes Trinkwasser.

Nach Ansicht von Aktivisten in den USA und der NCJB ist jedoch Dow als Rechtsnachfolger von Union Carbide ebenso für das Unglück in Bhopal verantwortlich wie Union Carbide selbst. "Dow ist als Konzernmutter verantwortlich in dieser Sache", erklärt Gary Cohen vom US-amerikanischen 'Environmental Health Fund'. Die Angelegenheit sei auch keine lokale indische, sondern auch in den USA justiziabel.

Diese Ansicht teilt Dow jedoch nicht. Während der Indien- Repräsentant bislang keine Stellungnahme abgegeben hat, wird der US-amerikanische Dow-Sprecher John Musser von der 'Times of India' mit den Worten zitiert: "Die Angelegenheit endete mit der Zahlung der Entschädigung von Union Carbide an die Opfer."

Damit allerdings liegt Dow nach Ansicht von Juristen möglicherweise falsch. Gegen Union Carbide läuft seit 1991 in Indien ein strafrechtliches Verfahren. Zwar hatte die indische Regierung in dem Vergleich von 1989 das Unternehmen auch von einer Strafverfolgung freigestellt. Der Oberste Gerichtshof Indiens hatte dies jedoch für unwirksam erklärt.

Gegen die Geschäftsführung von Union Carbide und den Vorstandschef Warren Anderson ist deshalb immer noch ein Verfahren in Indien anhängig. Keiner der Verantwortlichen einschließlich Warrens hat jemals einer gerichtlichen Vorladung Folge geleistet.

Nach Angaben des in Mumbai lebenden Experten für Firmen- und Bankenrecht Ravi Hazari übernimmt bei einer Fusion die neue Konzernführung alle Rechte und Verpflichtungen beider Unternehmen. Weder die Ankündigung der Fusion am 6. Februar noch die von Dow der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Dokumente weisen jedoch auf das gegen Union Carbide anhängige Verfahren in Indien hin.

Mehr noch, so berichtet die US-Anwältin Rajan Sharma, wird in den von Dow und Union Carbide bei der SEC eingereichten Unterlagen ausdrücklich behauptet, dass weder gegen Union Carbide noch eine ihrer Tochterfirmen Klagen oder Ermittlungen irgendwo auf der Welt liefen. "Das ist natürlich eine glatte Lüge." Auch Dow wisse darum, wie aus verschiedenen Gesprächen mit Aktivisten und aus offiziellen Erklärungen des Unternehmens hervorgehe.

Sharma weist noch auf einen möglicherweise weiteren Straftatbestand hin. Wie sie erklärt, hat einer der Anwälte von Union Carbide in einem anderen Verfahren öffentlich eingestanden, dass die Wiedereinsetzung des Strafverfahrens 1991 "seitens der indischen Regierung in dem klaren Wissen vorgenommen wurde, dass wir (Union Carbide) uns nicht dem Verfahren stellen werden".

Nach Meinung von Sharma ist damit ein weiterer Straftatbestand, nämlich Verabredung zur Behinderung der Justiz, gegeben. Dow und Union Carbide hätten damit gegen indisches und US-amerikanisches Strafrecht sowie gegen die gesetzlichen Bestimmungen der SEC verstoßen. (IPS)

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