Das gar nicht "liebe" Fiasko: Libro-Verluste explodieren

22. Mai 2001, 19:41
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Buchhändler mit knapp einer Milliarde Minus - Exit aus Deutschland

Der Handelskonzern Libro bewegt sich in Richtung Super-GAU, des Größten Anzunehmenden Unfalls: Nach aktuellem Stand der Bilanzierung waren die Verluste im Geschäftsjahr 2000/2001 dramatisch höher als noch vor kurzem angenommen. Die Höhe der Schulden übersteigt das Eigenkapital um 315 Mio. S. Sollten nicht schleunigst - spätestens in zwei Monaten - neue Partner gefunden werden, die Eigenkapital nachschießen, bleibt Libro nur mehr der Gang in die Wiener Riemergasse, sprich: Insolvenzanmeldung beim Handelsgericht, so Sanierungsexperten im Gespräch mit dem STANDARD.

Blutrote Zahlen

Der Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda oder Brutto-Cash-flow) explodierte: Minus 837 Mio. S (60,8 Mio. EURO) müssen verkraftet werden. Noch am 27. April hatte der börsenotierte Konzern in einer Aussendung minus 230 Mio. S gemeldet. Die Gründe dafür: Das deutsche Abenteuer wird beendet und alle 18 Filialen geschlossen. Das kostet weitere 250 Mio. S an Rückstellungen. Weiters verzichtet der Konzern auf die Forderungen gegenüber Libro Deutschland (266 Mio. S Wertberichtigung). Zudem werden drei Amadeus-Standorte in Österreich zugesperrt (kostet 40 Mio. S) und Waren im Wert von 40 Mio. S abgewertet.

Das "Ergebnis" vor Steuern und Zinsen wird minus 982 Mio. S betragen, rechnet man das negative Finanzergebis hinzu, kommt der Konzern auf ein Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von 1,22 Mrd. S. Das bei einem Umsatz von insgesamt 5,46 Mrd. S.

Die Bankschulden verdoppelten sich im Vorjahr auf 2,3 Mrd. S, bei Lieferanten stand man mit 544 Mio. S in der Kreide. Mit den hohen Jahresverlusten ist Libro derzeit um 315 Mio. S überschuldet.

"Wir haben ein veritables Problem", sagte Libro-Vorstandsvorsitzender André Rettberg am Dienstag lapidar. Woher das frische Geld kommen soll, werde man in den nächsten 14 Tagen mitteilen. Als Berater fungiert der deutsche Consulter Roland Berger. Man sei mit UIAG und anderen Eigentümern sowie Finanzinvestoren im Gespräch. Am Dienstagnachmittag fand ein Bankengipfel mit allen involvierten Instituten statt. Darüber werden Forderungen an die Onlinetochter Lion.cc - rund eine halbe Mrd. S - in ein nachrangiges Darlehen umgewandelt. "Das läuft über einen sehr langen Zeitraum, das ist quasi Eigenkapital."

Rettberg will keine persönlichen Konsequenzen aus dem Fiasko ziehen, sondern "den Konzern dorthin zurückführen, wo er war".

Die Libro-Aktie stürzte am Dienstag unter die Vier-EURO-Marke. RZB-Fondsmanagerin Doris Stadler sagt: "Es ist schlimmer, als alle befürchtet haben. Ich sehe nirgends den weißen Ritter in der schillernden Rüstung, der als Retter auftauchen könnte." Investoren müssten eigentlich nur mehr auf die Insolvenz warten und könnten dann billig kaufen. (szem/masch/APA)

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