"Das Weggli zerfiel in Brösmeli"

22. Mai 2001, 10:43
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Neu: Wörterbuch der deutschen Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Innsbruck/Basel/Duisburg - "Eine herzhafte Marend" soll er zu sich genommen haben, seine Magnifizenz, der Rektor der Uni Innsbruck, "Würstl mit Senf vom Büffet". Da sei ihm "das Semmerl ein bisserl auf seine Krawatte gebröselt".

Ob es sich so zugetragen hat? Fest steht, dass mehrere Varianten des Vorfalls vorliegen. "Rektor Moser" genoss, heißt es in Basel, "einen währschaften Imbiss", als ihm "sein Weggli ein wenig in Brösmeli auf seine Krawatte zerfiel".

Mit der leicht selbstironischen Beschreibung eines Würstl essenden Rektors präsentiert sich ein streng genommen dreisprachiges Forschungsprojekt auf seiner Homepage. "Ein solches Wörterbuch gibt es noch für keine Sprache", sagt Projektleiter Hans Moser, Linguist und derzeit Chef der Innsbrucker Uni.

Basel, Duisburg, Innsbruck

Gemeinsam mit dem Deutschen Seminar in Basel und dem Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Uni Duisburg erarbeiten die Innsbrucker Germanisten ein "Wörterbuch der deutschen Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz", das die nationalen und regionalen Varianten des heutigen Deutsch als gleichwertige Ausdrücke verzeichnet, samt einigen Spezifika aus Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol, Gebieten, wo Deutsch Amtssprache ist. Geldgeber sind FWF und Nationalbank.

Im Unterschied zum Duden werden in diesem Wörterbuch ausschließlich die Varianten, nicht die im gesamten deutschen Sprachraum identisch verwendeten Ausdrücke aufgenommen. Aber die Varianten sind zu zahlreich, "wir müssen eine Auswahl treffen", sagt Projektmanagerin Doris Mangott. Aus editorischen Gründen finden maximal 10.000 Stichwörter Platz.

Das Deutsche ist, so der Ausgangspunkt, wie andere Kultursprachen plurizentrisch: nicht nur auf dialektaler Ebene, sondern auch auf der der Standardsprache(n). Neben national oder regional bedingten Variationen (Ost-/ Westösterreichisch) finden sich bekanntlich auch Überlagerungen (Schweizerisch, Vorarlbergisch, Schwäbisch).

Das 14-köpfige Team sucht vor allem im Alltag, und zwar in verschiedenen Kontexten verwendete Begriffe: Die "Familienbeihilfe" findet sich ebenso wie das "Taxeln" oder die eingangs angeführten, im PC-Rechtschreibprogramm nach wie vor mit roter Wellenlinie unterlegten "Marend", "Semmerl", "Würstl".

Das Textkorpus umfasst Tageszeitungen und Magazine, Prosa und Kinderliteratur, Krimis und Ratgeber, Werbetexte, Broschüren und Audio-/ Video-Quellen. Das Material stammt bei Zeitungen aus den letzten zehn, bei Belletristik aus den letzten 50 Jahren. Originell ist die Methode der Erfassung: Das ausgewählte Material aus einem der drei Länder wird von den Mitarbeitern der beiden anderen Länder gesichtet, diese notieren die für sie unverständlichen Begriffe oder solche, die sie als regionale Abweichungen empfinden. Nach dem Rundlauf werden am Ausgangsort Definitionen verfasst und an den anderen Orten ergänzt. "Wir sind uns laufend ein Korrektiv", so Mangott. Die Repräsentativität der Begriffe wird durch eine Internet-Volltextsuche in Altavista festgestellt.

Das für Ende 2002 angekündigte Wörterbuch wertet nicht nur die regionalen Varianten des Deutschen auf, es definiert letztlich die Sprache neu: "Das Standard-Deutsch", so Moser pointiert, "ist künftig in diesem Buch zu finden."

von Benedikt Sauer
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