Die Schießerei des "unbekannten" Jiri W.

22. Mai 2001, 18:09
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Taxiüberfall in Wien: Ermittlungen über Interpol laufen

Wien - "Wir wissen nicht, wann er nach Wien gekommen ist. Wir wissen nicht, warum er hergekommen ist. Wir wissen nicht, wo er gewohnt hat. Und wir wissen auch nicht, was er hier gemacht hat", heißt es im Wiener Sicherheitsbüro. "Er" ist der Mann, der den Namen Jirí W. trägt. Das steht zumindest in seinem nagelneuen tschechischen Pass. Und das ist einstweilen das einzig Sichere für die Kriminalisten - neben der Schießerei, die sich W. Dienstag in Wien-Leopoldstadt mit der Polizei geliefert hat.

Montag, eine Viertelstunde vor Mitternacht, hielt der 54-jährige Mann am Praterstern ein Taxi an. Dessen Lenker, Johann Sch. (63), sollte ihn zur nur wenige hundert Meter entfernten Urania fahren. Dort angelangt, gab W. mehrfach andere Fahrtziele an und wollte schließlich nach Ungarn gebracht werden. Als der Taxler sich weigerte, zog sein Fahrgast eine Pistole und zwang den 63-Jährigen zur Weiterfahrt.

Johann Sch. gehorchte - bis vor das Kommissariat Leopoldstadt. Dort bremste der Taxilenker seinen Wagen mit quietschenden Reifen ein und ließ sich aus der Autotür fallen. Jirí W. schoss ihm nach und verletzte den Taxler am Ohr. Auch auf zwei aus dem Kommissariat gestürmte Polizisten feuerte er sofort. Diese schossen zurück. W. wurde mehrfach getroffen, ein Beamter erlitt einen Armsteckschuss. Eine Dreiviertelstunde nach der Schießerei erlag der Tscheche seinen schweren Verletzungen.

Richtig gehandelt

"Der Taxler hat instinktiv das Richtige gemacht", sagt Ernst Geiger, der stellvertretende Leiter des Sicherheitsbüros, im Gespräch mit dem STANDARD. Die Schussabgabe der Polizisten sei jedenfalls gerechtfertigt gewesen. Zweimal habe Jirí W. geschossen, die Polizisten hätten insgesamt achtmal abgedrückt.

Das Sicherheitsbüro versuche nun die Hintergründe des mysteriösen Feuergefechtes zu beleuchten. Allerdings räumt Kriminalist Geiger ein: "Die Motive des Mannes werden sich wahrscheinlich nie ganz klären lassen. Da wird vieles wohl für immer im Dunklen bleiben."

Bei dem Aufklärungsversuch helfen soll jedenfalls Interpol Tschechien. Geiger: "Wie lange die für einen Bericht brauchen werden, kann man schlecht sagen. Es kommt drauf an, ob sie den W. in Evidenz haben oder ob er dort noch nie aufgefallen ist."

Aufschluss erhoffen sich die Kriminalisten auch vom Passfoto des Getöteten. "Vielleicht", so Geiger, "ist der Mann ja jemandem in Wien aufgefallen. Oder es meldet sich ein Hotel oder eine Pension, in der er übernachtet hat." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. Mai 2001)

Von Christoph Prantner


Sachdienliche Informationen an den Journaldienst des Wiener Sicherheitsbüros 313 46-36000
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