Lehrerproteste: Streiklust - Von Conrad Seidl

21. Mai 2001, 20:12
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Wenn es nach der Gewerkschaftszentrale in Wien geht, dann dürfen die Lehrer in Vorarlberg nicht streiken - und vorläufig geht es nach der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst und nicht nach den aufgebrachten Pädagogen, denen das von der eigenen Gewerkschaft ausverhandelte neue Dienstrecht finanzielle Einbußen beschert.

Ihre streiklustige Haltung zeigt eine neue Aufmüpfigkeit der Mitglieder, die man gerade in der Beamtengewerkschaft GÖD nicht erwartet hätte. Jahrzehntelang war man in Österreich gewohnt, dass erfahrene Funktionäre ihre Forderungen bei der Arbeitgeberseite deponierten und dann verhandelten. Stockten die Verhandlungen, dann wurde ein bisschen gedroht, man hat die Gewerkschaftsmitglieder "informiert", hat sie Protestbriefe schreiben lassen und ab und zu auch einmal eine Demo organisiert. Da war dann meist kein Streik mehr nötig, es wurden Kompromisse ausgehandelt und die eben noch streikbereiten Mitglieder wieder heimgeschickt. So verlangte es das Ritual.

Die Lehrer aber sehen sich als Staatsbürger, Beamte und eben im Schulbereich gleich dreifach von den Sparprogrammen der Regierung betroffen - und lassen sich nicht mehr einfach heimschicken. Zu oft hat die Gewerkschaft ihre Mitglieder zum Protest aufgestachelt, zu oft hat sie danach Kompromisse geschlossen, die nach der kämpferischen Rhetorik mickrig erscheinen mussten. Die streiklustigen Vorarlberger sprechen nur aus, was viele ihrer Berufskollegen denken: dass sich die GÖD um des lieben Friedens willen in die Sparpläne der Regierung einbinden lässt. Das mag dem staatsbürgerlichen Bewusstsein der beamteten Gewerkschaftsfunktionäre entsprechen - den von ihnen mutwillig hochgeschraubten Erwartungen der Mitglieder entspricht es nicht mehr. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)

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