Nahost: Angst vor der großen Explosion - von Gudrun Harrer

21. Mai 2001, 19:34
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Noch verfolgen Ägypten einerseits und Syrien andererseits völlig andere Ziele

Einerseits wird der seit vorigen Herbst wieder mit Waffen ausgetragene Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern immer mehr zur Routine, von der Analytiker annehmen, dass sie Jahre so weiterlaufen könnte. Andererseits fürchtet laut einer Umfrage erstmals eine satte Mehrheit der Israelis eine regionale Ausweitung des Konflikts zu einem großen Nahostkrieg. Dieses Szenario ist, bei aller Irrationalität der Geschehnisse und ihrer Urheber, noch immer eher unwahrscheinlich. Aber bekanntlich gelten im Nahen Osten andere Regeln.

Großen Wind - und wahrscheinlich auch Eindruck auf die öffentliche Meinung in Israel - machte am Samstag die Festigkeit, mit der die Arabische Liga in Kairo auftrat. Die Wirklichkeit sieht jedoch etwas anders aus, nicht einmal die direkten Nachbarn Israels sind sich darüber einig, wie man mit dem Konflikt umgehen soll, zumindest noch nicht (das hat Sharon doch noch nicht geschafft).

Ägypten und Jordanien sind Wortführer einer Initiative, die ganz klar auf dem Oslo-Friedensprozess fußt, bei allen harten Worten, die in den letzten Monaten besonders aus Kairo kamen. Beide Staatschefs - Hosni Mubarak und König Abdullah - üben sich im Spagat zwischen Realpolitik und Vermeidung des Bruchs mit der Straße: Wobei Abdullah zuletzt ganz nahe an Letzterem dran war, als er eine Großdemonstration in Amman gewaltsam auflösen ließ. Die der Öffentlichkeit zugespielten Äußerungen des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder im Gespräch mit US-Präsident George W. Bush von Abdullah als "machtlosestem Führer" der Region sprechen Bände. Das haschemitische Königshaus in Jordanien würde nach Meinung der meisten Analytiker einen Nahostkrieg kaum überleben (aber, zugegeben, das hat man vor vierzig Jahren auch schon gesagt).

Ganz anders sieht die Sache in Syrien aus, dort gibt es nur einen Wunsch: dass die Palästinenser und die Araber überhaupt den Weg von Oslo verlassen. Unstimmigkeiten zwischen Syriens jungem Staatschef Bashar al-Assad und Mubarak über diesen Punkt sollen jüngst sogar dazu geführt haben, dass Assad einen Besuch in Kairo frühzeitig abbrach. Aber nicht einmal mit Palästinenserführer Yassir Arafat hat Assad wirklich Glück: Wortreich feierte man beim ersten offiziellen Araber-Gipfel in Amman im März Versöhnung. Ein Besuch Arafats in Damaskus hat aber noch nicht stattgefunden, denn Arafat weiß, was Assad von ihm will: dass er offiziell dem Oslo-Prozess abschwört. Und so weit sind wir noch nicht, trotz allem.

Zwischenbemerkung: Wenn - Nebeneffekt oder vielleicht auch Ziel der Taktik (Strategie?) Sharons gegenüber den Palästinensern - die Autonomiebehörde kollabiert und Arafat hinweggefegt wird, hat sich das Problem von alleine gelöst. Assad dürfte dann seine palästinensischen Partner bekommen.

Der Libanon, wo die Kritik an der syrischen Präsenz zwar zunimmt, aber weit davon entfernt ist, konkrete Veränderungen nach sich zu ziehen, bleibt hingegen Damaskus' bequemer Verbündeter. Die Hisbollah wird von Syrien und dem Iran aktiv gehalten, auf einem kleinen Stück Land an der Grenze findet der lächerliche syrisch-israelische Stellvertreterkrieg statt. Hin und wieder erwischt es dann, als Antwort auf Hisbollah-Angriffe auf die israelische Armee, auch Ziele in Beirut (nicht immer sind es syrische Stellungen wie zuletzt).

Eine neuere Entwicklung ist, dass Assad - der natürlich weiß, dass er Israel militärisch unterlegen ist - seine (Golan) und des Libanon Forderungen an Israel mit dem palästinensischen Problem zu verquicken versucht: Bezeichnenderweise gibt es jetzt eine "palästinensische Hisbollah", das Boot mit für den Gazastreifen bestimmten Waffen, das die Israelis jüngst aufbrachten, fuhr unter libanesischer Flagge und kam aus Syrien (wenn auch von palästinensischen Absendern). Schlimm, dass in Israel niemand sitzt, der Garant dafür ist, das Überschwappen des Konflikts zu verhindern. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 22. 5. 2001)

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