Verzweiflung macht Mut, Hoffnung aber feig

24. Mai 2001, 21:47
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Zweistimmiges Erzähltheater: Ruth Klügers Erinnerungen an das Vernichtungslager Theresienstadt

Dass man eine im Konzentrationslager endende Familiengeschichte als Filmkomödie erzählen würde können, dachte vor Roberto Benigni kaum einer. Der italienische Regisseur hat 1998 mit seiner umstrittenen Tragikomödie La vita è bella den Irrsinn mit Irrsinn beantwortet und sich erlaubt, der Rolle des Opfers zugleich die eines Spielleiters zu übertragen (der Vater erklärt dem Sohn das Lager als Überlebensspiel).

Ruth Klüger aber ist früher schon weiter gegangen. 1992 schrieb sie, die das Vernichtungslager durch Zufall überlebte, ihre Erinnerungen auf und sträubt sich darin aus einem ertrotzten Kinderstandpunkt heraus gegen die stille Anteilnahme am Leid der Opfer: "Ich habe Theresienstadt irgendwie geliebt", heißt ein Satz in "weiter leben. Eine Jugend". Im nächsten Absatz dann: "Ich hab' Theresienstadt gehasst." Klüger erinnert jenes Mädchen, das den Wahn begriff, aber dagegen immer das (verhinderte) Leben stellte: das verbotene Kino, den verbotenen Eislaufplatz, den jüdischen Friedhof als Spielplatz.

In zwei gegensätzlichen und doch dicht miteinander verwobenen Stimmen berichtet eine von Pete Belcher und Hubertus Zorell gefasste Erzähltheater-Version von dieser Kindheit in Wien und von der Deportation in die Lager: Die unverträglichen Versatzstücke dieses Lebens - das Straßenschild der Neubaugasse, die schönen Bücher im Regal, das Schneewittchen aus Walt Disneys Film, die Waggons -, sie sind als fatal zusammenhängende Bilder in eine Aluminiumrückwand eingearbeitet.

Die dunkle Stimme von Martina Spitzer, die widerspenstig-kraftvolle von Maria Hofstätter - sie beide zusammen heben in der Regie Nika Sommereggers den Text hinaus in eine sorgenvolle Erleichterung. Welche von den anwesenden Schülerinnen und Schülern dankbar aufgenommen wird.

Benigni wählte den Kunstgriff, um den Wahn zu brechen. Klüger den lebensnotwendigen "Blick kindlicher Unwissenheit", beide machen wissend.
(M. Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)


dietheater Konzerthaus
Bis 2. 6., 10, 12, 20 Uhr
Lothringerstraße
1030 Wien
Tel.: 587 05 04

Zum Nachlesen
Ruth Klüger
Weiter leben.
Eine Jugend

Wallstein Verlag
Göttingen 1992



--> siehe auch:
Streitgespräche des Überlebens
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