Hosenrollen und Traum-Spagate

21. Mai 2001, 20:45
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Büchner und Sternheim in Graz

Graz - Matthias Fontheim lässt die Programmhefte des Schauspielhauses nummerieren. Und so ist man bei den Premieren neunzehn und zwanzig angelangt: auf der Probebühne bei Georg Büchners Lenz in einer intelligenten Realisierung von Martin Schulze und Thomas Guglielmetti, in der Daniel Doujenis als Dichter des Hofmeister zum selbstquälerischen Spagat über den Riss der Welt verdammt ist. Auf der Hauptbühne bei Sternheims Spießerkomödie Die Hose, von Volker Lösch messerscharf in einem winzigen Guckkasten in Szene gesetzt.

Aus blauen Neonröhren, die den Namen "Lenz" bilden, tritt der baltische Dichter, wie ihn sich Büchner anverwandelte. Im kurzen Mantel und offenem Hemd, eine halb leere Weinflasche in der Hand, mit äußerster Präzision von Sprache und Gestik schreitet Daniel Doujenis den Bogen von ersehnter Ruhe zum aufflackernden Wahnsinn aus - ein ungestümes Genie, angstgeschüttelt und prometheisch.

Büchners Novelle wird nicht dramatisiert, sondern durch das Innere des Protagonisten hindurch erzählt. Als zynischen Doppelgänger hat Regisseur Martin Schulze Lenz den E-Bassisten Janko Hanushewsky zur Seite gestellt - zwei unangepasste Gestalten, zum Schluss wieder eingesperrt in die Welt der Buchstaben.

Vom Sturm-und-Drang-Dramatiker Lenz führt ein direkter Weg über Büchner zu Carl Sternheims sozialkritischen Komödien, deren berühmteste - Die Hose - von Volker Lösch rasant in Szene gesetzt wurde. Luise Maske hat auf offener Straße die Unterhose verloren. Man bringt die Tür kaum auf, so dröhnt der Klatsch herein ins spießbürgerlich graue Nest, das zur Aufbesserung des Etats untervermietet werden muss.

Eine allzu enge Welt - sie mieft auch nach Chauvinismus, Beamtenmentalität und unfreier Sexualität. Auf dem steil ansteigenden Boden der winzigen Mansarde entfacht Lösch ein skurriles Chaos, in dessen Zentrum Susanne Webers von Naivität und Unterwürfigkeit zu Desillusionierung wachsende Luise Maske gefangen ist.

Das ironische Staccato der Sternheimschen Sprache skandierend, kreisen Alexander Weise, Dominik Warta und Georg Peetz um die junge Frau, neben der Regine Schweighofer als kupplerische Jungfer Deuter fast platzt vor unerlöster Sexualität.

Der doppelbödige Witz, das Tempo, die lärmende Spannung zwischen Innen- und Außenwelt, die prallen Figuren des Ensembles und die Ironie der "mise en scene" sind der Stoff für ein Gustostück.
(Beate Frakele/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)

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