Zeichen der Zeit über Lunas Park

21. Mai 2001, 20:43
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Puccinis "Turandot" an der Grazer Oper

Graz - Das Ganze zeugt von einiger Komik: Die Chormitglieder tragen Leibchen mit der Aufschrift "Kopf ab!", und wenn dazu Totenskelette einen Danse macabre aufführen, kommt einem eher das Lachen als das Gruseln.

Beim so genannten "Mondchor" ist man mehr an einen Lunapark erinnert als an das Aufgehen des bleichen Gestirns über der Stadtmauer: Es ist eine künstliche Welt, die sich hier auftut; wohl etwas, was man heute "Erlebniswelt" nennt in einem Unterhaltungsparadies, auch wenn es um öffentliche Hinrichtungen geht, in Verbindung mit amerikanischem Glamour und Glitter.

Für alle, die's noch nicht erraten haben: Die Rede ist von der Oper Turandot, die in Graz eine Neuinszenierung nach allen Regeln der Verfremdungstheorie Bertold Brechts erfuhr. Nicht auf die Emotionen kommt es an, die Puccinis Musik wecken will, sondern auf die mentale Verarbeitung einer kruden Geschichte. Einer Geschichte in unserer heutigen, kruden Welt.

Man mag darin wohl auch eine Persiflage auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie sehen, mit den Mitteln derselben. Daher ist die Ausstattung sehr aufwendig (Bühne: Klaus Grünberg, Licht: Reinhard Traub, Kostüme: Mignon Ritter), auch im technischen und im zusätzlichen Einsatz von Ballett (Choreographie: Sarah Davies) und Statisterie. Und so erscheint der Kaiser wie eine Popgröße im weißen Anzug, die Prinzessin wie eine Diva im weißen Pelz über dem silberglitzernden Kleid, die Menge aber in Football-Adjustierung.

Die aus (dem ehemaligen Ost-)Berlin stammende Jungregisseurin Tatjana Gürbaca hat natürlich zeigen müssen, was sie in Assistenzen u. a. bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny gelernt hat, und dabei einer Tendenz zum Overstaging nicht widerstehen können, zumal sie sich als Preisträgerin des letzten Grazer Internationalen Regiewettbewerbs dazu verpflichtet gefühlt haben mochte.

Ob die Musik des Nervenkontrapunktikers solche Distanzierung verträgt, ist eine andere, grundsätzliche Frage. Die Protestrufe am Schluss wollten dies verneinen. Es ist eine Schwäche dieser Inszenierung, dass in ihr das komödiantische Element der drei Minister (ein Erbe der Commedia dell'Arte in der Vorlage Carlo Gozzis) nicht abgehoben erscheint und sie den Materialschichten der Musik nicht entspricht.

Ein Recht für die Musik

Wie um ihr eigenes Recht zu erstreiten, lässt sie der führungssichere Dirigent Wolfgang Bozic oft sehr lautstark erklingen. Eine Lichtgestalt, auch im Singen, ist Natalia Biorro als Liù, die Hausdebütantin Kathleen McCalla strahlt als Turandot in kalter Pracht, und Janez Lotric als Calaf, angezogen wie ein Kraftsportler, singt und agiert auch so.

Wo Puccini die Feder aus der Hand legen musste, nach dem Tod der Liù, senkt sich ein Zwischenvorhang, und statt der elektronisch gesteuerten Brechtschen Zeigetafel, auf der - allerdings nur mit bewaffnetem Auge gut lesbar - der deutsche Text und allerlei Bildsymbole erscheinen, tritt für das von Franco Alfano ergänzte Schlussduett und Finale die Übertitelungsanlage über dem Bühnenportal in Funktion. Eine intelligente Lösung für die Sichtbarmachung der unvollendeten authentischen Werkgestalt.

Das war die letzte Premiere des Intendanten Gerhard Brunner, und so wohl auch ein Schlusspunkt hinter der exzessiven Bevorzugung des "Regietheaters" in der Grazer Oper.
(Manfred Blumauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)

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