In der Warteschleife

21. Mai 2001, 20:40
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Mailand verordnet sich zeitgenössische Kunst - Die "AnteprimaBovisa" gibt einen Vorgeschmack

Mailand verordnet sich zeitgenössische Kunst, um es Design und Mode gleichzutun. Zwei Gasometer sollen 2002 neuen Raum geben, einen Vorgeschmack liefert "AnteprimaBovisa". Eine wilde Mischung, fand Doris Krumpl.


Mailand - Die aktuelle italienische Kunstlandschaft? Praktisch einer Wüste gleich. Seit den drei großen C - Clemente, Cucchi und Chia - war kaum mehr Nennenswertes zu sehen. Man zehrt von den Errungenschaften der Antike, der Pittura Metafisica und der Futuristen, von der Arte Povera und Lucio Fontana. Langsam ist es vor allem auch den Stadtvätern von Mailand aufgefallen, dass sich ihre Region mittels Design und Mode profiliert, sich bei der Kunst aber nix abspielt. Kennt irgendjemand wenigstens eine nennenswerte architektonische Hülle, die in Italien dafür in den vergangenen Jahrzehnten entstanden wäre?

Genug der Jammerei, ins neue Jahrtausend geht auch Mailand mit einem neuen Museum, das 2002 eröffnet wird, wie es offiziell heißt. Zwei riesige Gasometer im Außenbezirk Bovisa werden die neue Kunst aufnehmen ins Museo del Presente, die sich die Stadt Mailand mit 200.000-Euro-Budget einkaufen wird. Einen Vorgeschmack sollte AnteprimaBovisa liefern, mit dem Zusatz Milano Europa 2000. Dass wir heuer schon 2001 haben und die Voreröffnung nicht in den Gasometern, sondern in Mailands Kunstpalästen - einer aus der Faschismuszeit, einer aus den 50ern - stattfindet, das scheint kaum jemanden zu stören.

Kraut und Rüben in Kunstform, relativ willkürlich ausgewählt von 18 Kuratoren der eingeladenen Länder, bestücken nun die Pavillons, 120 Künstler nehmen teil. Edelbert Köb, im Gespräch als Museumsdirektor des MUMOK im Museumsquartier, nominierte "die üblichen Verdächtigen" des heimischen Kunstbetriebes, allen voran Elke Krystufek, ohne die nichts mehr zu gehen scheint, Peter Kogler, Rainer Ganahl, Edgar Honetschläger sowie Lois Renner.

Mutiger entschied Köb bei Siegrun Appelt, die mit atmosphärisch-unheimlichen Nachtaufnahmen von Häusern die Konstruktionen von Realität ausleuchtet, sowie bei dem mit anarchischem Humor ausgestatteten Art Protects You (Jochen Traar), der Besucher per Infrarot aufnimmt und durch ein gefinkeltes Computerprogramm auf einer riesigen Projektionsfläche in Flugzeugkondensstreifen am Art-Protects-You-Himmel auflösen lässt.

Der generelle Kunstgeschmack zeigt sich konservativ, was auch Köbs Erzählung über die italienischen Organisatoren verdeutlicht, welche annahmen, dass sowieso alles mit Bildern an der Wand sowie Skulpturen getan ist. Doch wir leben ja im neuen Jahrtausend, und nun tun Künstler gut daran, sich des jungen, gerade einmal 100 Jahre alt gewordenen Mediums Film zu widmen. Jede zweite Arbeit findet in schwarzer Isolation statt, flackert als Großbildinstallation. Der Schweizer Shootingstar Olaf Breuning zeigt seinen abgefahrenen King, Gillian Wearing ein lebendes Still-Life aus einem Militärgruppenbild, Richard Billingham ein witziges Kokainhackpulver-Opus, im Takt zu billigen Discoklängen.

Private Mythen, mindestens so interessant wie Taxi Orange, überwiegen aber. Es wird gequatscht, gesungen, öffentlich bekannt. Da erfrischt der Beitrag der Russen Efimov & Tchernyshev mit ihrer absurden Gen-Gymnastik oder die Discobeschallung am WC (samt Tanzvorschlägen) des Frauenquartetts The Islandic Love Corporation. Naturgemäß trifft man auch auf Fotografie, als Variante der Malerei (Lavafelder bei Hervé Charles, Feuer bei Gor Chahal, Türen/ Wände bei Hedevig Anker, Oslo) oder als bizarre Dokumentation, etwa die hell ausgeleuchteten Räume des käuflichen Sex (Johnny Jensen, Dänemark).

Nicht nur Siegrun Appelt griff die Metapher des Hauses, der Behausung, auf, für viele Künstler scheint dieses Thema exemplarisch. Nicht nur wie bei Lois Renners als Raummodell - es werden tatsächlich Hütten (Mario Air`o, Italien) gebaut oder hell leuchtende Zellen, die Jaume Plensa etwa mit verfremdeten Love-Sounds beschallt. My home is my art-castle, demnächst auch im Gasometer. Bis 16. 9.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)

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