Marathon

22. Mai 2001, 16:49
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Wien 2001. Eine Telefonzentrale


TELEFONISTIN: Sozialdemokratische Partei Österreichs. Was kann ich für Sie tun?
EIN GEWISSER KOWATSCH (am Telefon, bemüht, Hochdeutsch zu sprechen, mit leichtem Zungenschlag): Ja, Kowatsch hier. Es ist . . . Na ja, es ist, weil . . . Ich bin vorgestern geflogen und -
TELEFONISTIN: Geflogen?
KOWATSCH: Ja.
TELEFONISTIN: Da verbinde ich Sie am besten mit dem Herrn Clubobmann.
KOWATSCH (erstaunt): Dem Clubobmann? Nur weil ich den -
TELEFONISTIN: Einen Augenblick, bitte.
(Szenenwechsel. Das Büro des Clubobmanns Cap. Das Telefon läutet.)
CAP: Cap, was gibt's?
KOWATSCH: Ja, Kowatsch hier. Es ist mir ein bissl unangenehm, ich wollte Sie nicht belästigen, aber man hat mich hier herauf verbunden, weil es ist so, dass ich vorgestern geflogen bin und -
CAP (sehr interessiert): Wirklich? Wie war's?
KOWATSCH: Was?
CAP: Das Fliegen.
KOWATSCH: Überraschend.
CAP: Kann ich mir denken.
KOWATSCH: Und jetzt hänge ich total in der Luft.
CAP: Immer noch? Wie machen Sie das?
KOWATSCH: Deswegen rufe ich ja an. Ich weiß es nicht.
CAP: Sie werden die Füße schon wieder auf den Boden kriegen. Aber wie Sie dann wieder abheben, das würde mich interessieren.
KOWATSCH: Mich auch. Wer nimmt mich denn noch in meinem Alter?
(Pause. Cap begreift.)
CAP (zu sich): Das sind solche Dumpfgurken in der Telefonzentrale . . . (Zu Kowatsch): Sie sind ja gar nicht geflogen!
KOWATSCH: Sicher! Und ohne jeden Grund!
CAP: Sie sind freigesetzt worden.
KOWATSCH: Sehr frei fühle ich mich nicht.
CAP: Dann halt abgebaut.
KOWATSCH (sich ereifernd): Eben nicht! Ich habe überhaupt nicht abgebaut! Ich habe gearbeitet wie immer! Ich habe nichts getan! Und trotzdem habe ich den Hau gekriegt! Ich meine, so geht das doch wirklich nicht!
CAP: Nein.
KOWATSCH: Was soll ich tun?
CAP: Laufen.
KOWATSCH: Wohin?
CAP: Marathon.
KOWATSCH: Das ist aber weit.
CAP: Das kommt einem nur so vor am Anfang.
KOWATSCH: Und was tue ich, wenn ich dort bin?
CAP: Weiterlaufen.
KOWATSCH: Und von was lebe ich derweil?
CAP: Da gibt's immer so Stände mit Getränken und Traubenzucker.
KOWATSCH: Aber ich habe Familie. Zwei Kinder. Beide studieren. Was machen die?
CAP: Auch laufen.
KOWATSCH: Sonst können Sie mir nichts raten?
CAP: Marathon ist momentan das Beste.
KOWATSCH: Danke.
(Cap legt auf. Kurze Pause. Cap steht auf, geht in die Knie, streckt die Arme waagerecht aus und macht längere Zeit Flatterbewegungen. Cap lässt die Arme sinken und setzt sich.)
CAP (zu sich): Ich weiß, dass es geht. Es muss gehen.
(Vorhang)
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)
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