"Kann gut damit leben"

21. Mai 2001, 20:25
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Dem entlassenen Leverkusen-Trainer Vogts winken Millionen

Leverkusen - Mit großem Trara war Berti Vogts von Bayer Leverkusen verpflichtet worden, heimlich, still und leise trat der Exbundestrainer von der Bundesliga-Bühne wieder ab. In einer spärlichen achtzeiligen Presseerklärung machte der Werksklub am Sonntagabend die sich abzeichnende Trennung vom Cheftrainer perfekt, der nur 189 Tage im Amt war. Trotz des Erreichens der Champions-League-Quali war Vogts angesichts der Antistimmung bei Fans und Medien nicht mehr tragbar für Bayer. Am Montagmittag wurde Klaus Toppmöller (49) als Nachfolger vorgestellt.

Trotzdem blickt Vogts (54) keineswegs zurück im Zorn und macht auch seinem Freund, Manager Reiner Calmund, keinen Vorwurf. "Man muss klar trennen zwischen Job und Freundschaft", sagte der beurlaubte Fußball-Lehrer. "Ich kann gut damit leben. Eine solche Trennung ist im Fußball völlig normal." Das Ende der Kurzära dürfte Leverkusen teuer zu stehen kommen, denn Vogts besitzt noch einen Vertrag bis 30. Juni 2003 und dürfte schätzungsweise 3,5 Millionen Mark (rund 1,8 Millionen Euro) Abfindung erhalten und also gut damit leben können. Mit Vogts mussten auch seine Assistenten Pierre Littbarski und Wolfgang Rolff vorzeitig gehen. Torwarttrainer Toni Schumacher, der sich zuletzt mit Äußerungen sehr zurückgehalten hatte, darf hingegen vorläufig bleiben. "Die Mannschaft ist taktisch, nervlich, köperlich in einem jämmerlichen Zustand", zog Jürgen von Einem, Mitglied im Bayer-Gesellschafterausschuss, in der Bild ein vernichtendes Fazit über die Vogts-Truppe.

Die Reizfigur Vogts wurde offenbar zum Alibi für die hoch bezahlten Bayer-Stars, die nach den turbulenten letzten zwölf Monaten mit dem Unterhaching-Trauma (0:2, Titel 2000 im letzten Spiel verloren), der Kokainaffäre um Trainer Christoph Daum sowie den Verpflichtungen von Rudi Völler als Interimsteamchef und Vogts immer häufiger Dienst nach Vorschrift verrichteten. Ende April versuchte der hart Kritisierte den Befreiungsschlag und bot der Mannschaft bei einem Trainingslager seinen Rücktritt an. Die lehnte ab.

Jetzt ist es so weit, und Vogts hat trotz des schnellen Endes seiner ersten Bundesliga-Trainerstation den Humor nicht verloren. An Urlaub denkt er nicht: "Ich habe doch schon zwei Jahre nach meinem Rücktritt als Bundestrainer Urlaub gemacht. Außerdem war es für mich fast Urlaub, wenn ich mit den Spielern auf dem Platz arbeiten durfte. Am Mittwoch fliege ich nach Mailand zum Champions-League-Finale und hoffe auf ein tolles Spiel." (sid)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 22.5. 2001)

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