500.000 bei Trauermarsch in der Kabylei

22. Mai 2001, 19:52
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Weiter Unruhen in Algerien - Berber glauben nicht an staatliche Untersuchung

Tizi Ouzou/Madrid - "Mörderregime", "Kein Vergeben" und "Demokratie, Freiheit" riefen die 500.000 Teilnehmer, die zu Wochenbeginn dem Aufruf zu einem Trauermarsch in Tizi Ouzou gefolgt waren. Die Demonstration in der hundert Kilometer östlich von Algier gelegenen Hauptstadt der von den Berbern besiedelten Kabylei war der größte Aufmarsch in Algerien seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen Islamisten und Armee 1992.

Zum Protestmarsch und einem Generalstreik hatten die Gemeinden und Berberstämme aufgerufen, um den Toten der Unruhen seit Ende April in der Kabylei zu gedenken. 46 Menschen haben nach Angaben der Behörden durch die Kugeln der Gendarmerie ihr Leben verloren, 80 waren es der unabhängigen Presse zufolge. Auslöser für die Unruhen war der Tod eines Gymnasiasten am 18. April in Polizeigewahrsam. Sein Körper war von Einschüssen übersät, gaben die Eltern an.

Das gesamte Wochenende über hatten Jugendliche wieder Barrikaden errichtet und offizielle Gebäude in Brand gesteckt. Die Veranstalter der Demonstration riefen zum Boykott des offiziellen Untersuchungsausschusses auf, den Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika ins Leben gerufen hatte. Sie glauben nicht an das Versprechen des Staatschefs, "ohne Einschränkungen aufzuklären, was genau passiert ist". Stattdessen tragen örtliche Komitees und die von Berberparteien kontrollierten Gemeinderäte selbst Zeugenaussagen zusammen für ein "Schwarzbuch über die Repression".

Augenzeugenberichte zeigen, mit welcher Brutalität die Polizei bislang bei der Niederschlagung der Proteste vorgegangen ist. "Die Gendarmen haben die Demonstration mit Tränengas auseinander getrieben. Danach setzten sie mit den Kalaschnikows nach. Die meisten Opfer wiesen Einschüsse am Rücken auf", sagte ein Demonstrant aus Larbaa-Nath-Iraten, wo am 28. April sieben Menschen erschossen wurden. "Als ich bei dem Schwerverletzten ankam, trat ihm ein Offizier ins Gesicht und schrie: ,Stirb! Hund!'", erzählte ein Sanitäter. (DerStandard,Print-Ausgabe,23.5.2001)

von STANDARD-Korrespondent Reiner Wandler
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