Banken stehen vor Kreditrevolution

21. Mai 2001, 18:33
1 Posting

Neue Eigenmittelvor- schriften für Banken sollen Zusammenbrüche wie den der Bank Burgenland verhindern

Wien - Die unter dem Begriff "Basel" weltweit verhandelten neuen Eigenkapitalvorschriften für Kreditinstitute werden nach ihrer Einführung im Jahr 2004 Europas Bankwesen grundlegend verändern. Da in Zukunft das Kreditrisiko jedes einzelnen Unternehmens auf objektiv nachvollziehbare Weise bewertet werden muss, werden einerseits die Kosten der Bankenaufsicht dramatisch ansteigen; andererseits wird selbst für kleine Institute ein professionelles Risikomanagement möglich, das auch die Gefahr von Bankenzusammenbrüchen à la Bank Burgenland drastisch verringern sollte.

Krasse Benachteiligung

Österreichs Bankenvertreter schlugen vergangene Woche Alarm: Sollte das derzeit auf dem Tisch liegende Konsultationspapier in dieser Form verabschiedet werden, würde kleinen Kreditinstitute mit mittelständischen Kunden ein krasser Nachteil gegenüber globalen Großbanken erwachsen.

Im Rahmen der EU kämpfen sie für Abänderungen: Langfristige Kredite, wie sie im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) üblich sind, sollten nicht als riskanter eingestuft werden als kurzfristige Darlehen, außerdem sollte es ausreichende Übergangsfristen geben.

Aber selbst wenn sich die Länder mit einer kleinteiligen Bankenstruktur durchsetzen, würde durch Basel II "das kapitalmarktorientierte anglo- amerikanische System auf Europa überstülpt werden", sagt Herbert Pichler, Syndikus der Bundeskreditsektion in der Wirtschaftskammer. Durch die ersten Baseler Eigenmittelvorschriften wurden Mitte der Achtzigerjahre den Banken weltweit vorgeschrieben, mit wie viel Eigenkapital sie ihre Kredite unterlegen müssen. Doch dabei wurde das unterschiedliche Risiko der einzelnen Engagements nicht berücksichtigt. Dies soll jetzt durch Basel II nachgeholt werden.

Für US-Großbanken ist die genaue Aufschlüsselung ihres Risikos kein Problem, weil die meisten Unternehmen von den Ratingagenturen Standard & Poor’s und Moody’s bewertet werden. In Europa sind diese standardisierten Ratings eine Seltenheit. EU- Vertreter haben in einer früheren Runde durchgesetzt, dass neben dem externen Rating der Agenturen auch ein "internes Rating" der eigenen Bank für die Risikobewertung eines Kreditkunden herangezogen werden kann.

Aber auch dieses Rating muss von der nationalen Bankenaufsicht des jeweiligen Landes nachvollzogen werden können - und das braucht viel Personal. "Die Aufsicht wird durch Basel II um einen Quantensprung zunehmen, sie braucht viel mehr und besser qualifiziertes Personal", sagt Wilhelm Kraetschmer, stellvertretender Generalsekretär des Sparkassenverbandes. Dies erklärt auch den hitzigen Kampf um die Finanzierung der von Finanzminister Karl- Heinz Grasser geplanten neuen Allfinanzaufsicht. Auch die einzelnen Banken werden Millionen in eine EDV-Systeme und die Ausbildung ihrer Mitarbeiter investieren müssen.

Mehr Kapital

Wer es nicht schafft, das Risiko seiner Kredite auf nachvollziehbare Weise darzustellen, benötigt nach den neuen Regeln mehr Eigenkapital - und das ist für Banken teuer. Der Sparkassenverband hofft, dass alle Sparkassen bereits 2002 mit dem Aufbau einer entsprechenden Datenbank beginnen.

Für ein abgesichertes Rating werden laut Basel II Daten aus fünf Jahren benötigt; Österreich aber fordert, dass das interne Rating von kleinen Banken, die erst 2004 mit dem Aufbau beginnen, bereits nach zwei Jahren anerkannt wird. Ist das neue System einmal funktionsbereit, öffnen sich für die Institute neue Möglichkeiten: Sie können die nunmehr objektiv bewerteten Forderungen nämlich verkaufen und damit ihr Risiko besser managen. Eine Tiroler Bank mit vielen Hotelkrediten kann diese etwa an ein Institut in Ostösterreich verkaufen und dafür mehr Industriekredite auf die Bücher nehmen - im Falle einer Flaute im Tourismus ein großer Vorteil, weil das Ausfallsrisiko gestreut wird. Der nächste Schritt wäre dann die Bündelung von Forderungen aus einem Sektor, die dann in Form von Wertpapieren gehandelt werden können.

So genannte "Asset-backed Securities" sind in den USA seit Jahrzehnten ein Milliardenmarkt vor allem bei Hypothekarkrediten. Sie gelten als attraktive Anlageform und haben insgesamt die Kreditkosten gesenkt. Zahlreiche Finanz- und Rechtsexperten tüfteln derzeit an der Schaffung dieser neuen Kapitalmarktinstrumente, mit deren rasantem Wachstum infolge von Basel II auch Nationalbank- Gouverneur Klaus Liebscher rechnet. "Diese Entwicklung birgt ein erhebliches volkswirtschaftliches Interesse", sagte er auf einer Pressekonferenz vergangene Woche. Auch im Bankenmarkt könnte Basel II Bewegung bringen.

So ziehen sich die deutschen Großbanken bereits jetzt aus dem Kreditgeschäft mit KMUs zurück, um sich auf das lukrativere Segment mit "gerateten" Konzernen zu konzentrieren. Auf eine solche Entwicklung hoffen im Inland die Volksbanken. Sie rechnen damit, dass auch die Bank Austria ihre Geschäftsfelder verlagert. Daher wollen sie in zehn Jahren ihren Marktanteil bei KMU von 20 auf 30 Prozent ausbauen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)

Share if you care.