Kindliches Asthma

21. Mai 2001, 15:16
posten

Oft fehldiagnostiziert und falsch therapiert

Wien - Keine "Luft" - aber auch viel zu seltene Diagnosen und häufig falsche Therapien. So sieht die Situation in Österreich bei großen Patientengruppen mit Leiden wie Asthma und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) aus. Dies erklärten Experten am Montag bei der Präsentation der neuen Behandlungsleitlinien für diese Krankheiten bei Kindern bzw. Erwachsenen durch die Initiative "Arznei & Vernunft" in Wien.

"Es gibt (bei Asthma von Kindern, Anm.) eine erschreckende Unterdiagnostik, die etwa 50 Prozent beträgt. Wir haben auch bei richtiger Diagnose und bei schweren Symptomen eine falsche Behandlung. Die Rate der Fehldiagnosen liegt bei 50, eventuell sogar bei 60 Prozent", erklärte der Wiener Lungenspezialist und Kinderarzt Univ.-Prof. Dr. Manfred Götz (Wilhelminenspital).

"Vom Säugling bis zum Großpapa, die Atemnot ist immer da"

"Erwachsenen-Asthma-Experte" Univ.-Prof. Dr. Friedrich Kummer (ebenfalls Wiener Wilhelminenspital) ergänzte zur Bedeutung der Probleme der Bronchial-Leiden: "Vom Säugling bis zum Großpapa, die Atemnot ist immer da." Auch bei den Erwachsenen fehle häufig die objektive Diagnose von Asthma-Erkrankungen bzw. der COPD durch eindeutige Lungenfunktionsprüfungen. Während man bei Kindern vor allem von den subjektiven Symptomen ausgeht, kann ein Lungenfunktionstest beim Erwachsenen zu einer einfachen und klaren Diagnose führen.

Um die Diagnose und vor allem die medikamentöse Behandlung von Asthma bei Kindern und Erwachsenen sowie der COPD bei Erwachsenen auf eine rationale Basis unter Berücksichtung der modernsten medizinischen Erkenntnisse und der Kostenfaktoren zu stellen, hat die österreichische Iniatitive "Arznei & Vernunft" (Vereinigung Pharmazeutischer Unternehmen - Pharmig, Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Ärzte- und Apothekerkammer) jetzt von Expertengruppen akkordierte Behandlungsempfehlungen erarbeiten lassen. An diese sollen sich die niedergelassenen Ärzte halten.

Empfehlungen

Insgesamt handelt es sich dabei um das fünfte "Paket" solcher Empfehlungen, die im Auftrag der Initiative seit 1994 erarbeitet wurden. Pharmig-Präsident Dr. Ulrich Bode, betonte bei der Präsentation, dass die Pharma-Industrie mit ihrer Co-Federführung bei dem Projekt auch ihr Verantwortungsbewusstsein für das österreichische Gesundheitswesen dokumentieren wolle.

Der stellvertretende Generaldirektor des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Dr. Josef Probst, sieht die "Einbindung der maßgeblichen Partner, der Ärzte, Apotheker und Patienten" in die Gesamtverantwortung für das Gesundheitswesen als wichtiges Ziel. Seine "Diagnose" für die finanziellen Probleme der sozialen Krankenversicherung: "Die Einnahmen wachsen langsamer als die Volkswirtschaft - und die Medikamentenkosten steigen überproportional."

Behandlungsmethoden

Die drei Behandlungsrichtlinien für Asthma bei Kindern, bei Erwachsenen und für Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung gehen ganz spezifisch auf die Erfordernisse bei den einzelnen Patientengruppen ein. Der Vorstand der Kinderabteilung am Wiener Wilhelminenspital, Univ.-Prof. Dr. Manfred Götz: "Asthma bei Kindern kann man durch einfache Fragen erfassen."

Die Behandlung umfasst dann Maßnahmen zur Reduktion von Allergenen in der Umwelt (allergisches Asthma), die Schulung der betroffenen Kinder und ihrer Eltern sowie die medikamentöse Therapie, die im Vorschulalter relativ viele Spezifika aufweist, sich mit dem Eintritt in das Schulalter aber immer mehr jener der Erwachsenen angleicht.

Das Grundprinzip:

Die chronische Entzündung der Bronchien muss unter Kontrolle gehalten werden, hinzu kommt die Behandlung mit Medikamenten, welche die Bronchien (im Bedarfsfall oder langfristig) erweitern. Schwerste Asthma-Fälle sind zwar selten geworden, doch bei jedem einzelnen Patienten besteht die Gefahr, dass er in eine solche lebensbedrohliche Situation hinein rutscht.

Beim erwachsenen Asthma-Patienten wird die Diagnose laut den Empfehlungen ausschließlich über eine genaue Lungenfunktionsprüfung gestellt. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Kummer (Wilhelminenspital): "Das ist einfacher als ein EKG." Kummer forderte insgesamt mehr Möglichkeiten, solche Spirometrie-Untersuchungen in der niedergelassenen Praxis auf Kassenkosten zu schaffen: "Ich fürchte, dass die Dunkelziffer bei der Störung der Lungenfunktion eine erhebliche ist."

Mit dem "Pneumobil", das durch Österreich tourte und in dem rund 150.000 Menschen untersucht wurden, hätte sich eine Einschränkung der Lungenfunktion bei zehn Prozent der Getesteten ergeben. Drei bis fünf Prozent hätten dringend eine Behandlung benötigt. Kummer: "Für die Fallfindung wäre diese sehr einfache Untersuchung gerechtfertigt."

Lebensqualität

Die Behandlungsrichtlinie für COPD-Patienten ist besonders auf die Erhaltung bzw. Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen ausgerichtet. Laut dem Lungenspezialisten Univ.-Prof. Dr. Werner Schlick von der Wiener Universitätsklinik leiden daran vier bis sechs Prozent der Männer und ein bis drei Prozent der Frauen. Unter den Rauchern sind es 15 bis 20 Prozent der "Glimmstängelanhänger", die von der Krankheit betroffen sind. Der größte Teil der Betroffenen sind Raucher.

Bei der COPD kommt es zur chronischen Bronchitis und zum schnellen Abbau der Atemfunktion. Ein "empfindlicher Raucher" kann da mit 55 Jahren bereits schwere Symptome entwickeln und mit 60 Jahren qualvoll ersticken. Die wichtigste Vorsorge: Mit dem Rauchen aufhören. Ein echtes Mittel zur Beeinflussung des Verlaufs der COPD gibt es noch nicht

Share if you care.