Ein Triumph für die Umfehdeten

21. Mai 2001, 18:29
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Die Goldene Palme ging an Nanni Morettis "La stanza del figlio"

Die Goldene Palme ging an Nanni Morettis "La stanza del figlio"; Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" erhielt gleich drei Hauptpreise: Claus Philipp berichtet vom Abschluß der 54. Filmfestspiele in Cannes.


Die größte Überraschung des Abends war zwefellos die Wucht, mit der gestern die Jury unter der Leitung von Liv Ullmann Michael Hanekes Verfilmung von Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" den Rang eines künstlerischen Wagnisses zusprach. Der dafür traditionell vergebene Große Preis der Jury erging an die heftig umstrittene österreichisch-französische Produktion.

Damit nicht genug: Isabelle Huppert und Benoit Magimel, im Film als Lehrerin und Schüler in sadomasochistisches Ringen verwickelt, bescherten Hankes Film Preisehren, die nicht nur für das um (Selbst-)Achtung ringende heimische Filmschaffen als historisch zu sehen sind. Sie sollten bewirken, dass die Kontroversen rund um Hanekes frostige Weltanschauung vor mehr Publikum stattfinden werden als bisher. Rund um diese "Klavierspielerin" wird man sicher noch manche Diskussion entbrennen sehen.

Die Goldene Palme dieses Jahres hingegen wurde dem Sieger schon seit Tagen prophezeit - obwohl auch er nicht nur auf Wohlwollen stieß.

Nanni Morettis "La stanza del figlio" erzählt mit sparsamen Mitteln virtuos die Tragödie einer Kleinfamilie, die den tragischen Tod des Sohnes verwinden muss. Der italienische Regisseur, Autor und Schauspieler hatte zuletzt schon in "Caro Diario" und "Aprile" zunehmend melancholische Töne in sein oft hochkomisches, eminent politisches Werk einfließen lassen. Über die Inständigkeit, mit der er sich aber hier bürgerlichen Privatwelten zuwendet, wurde in Italien zuletzt oft als "zu harmlos" kritisiert.

Darüber kann man, ähnlich wie bei den kontroversen Reaktionen auf Hanekes Film, trefflich streiten. Morettis Film ist in Zeiten von Berlusconi-TV und der dauerhaften Krise des italienischen Kinos ja durchaus ein Politikum: In einer für sein Umfeld unüblich geschliffenen filmischen Sprache legt er ein Werk vor, das eine Wahrnehmungsschärfe abverlangt, die dann auch später, draußen vor dem Kino, in der brisanten italienischen Wirklichkeit produktiv wäre. "La stanza del figlio" erhielt übrigens auch den Preis der internationalen Kritik.

Beste US-Regisseure

Die Wettbewerbsjuroren kürten weiters gleich zwei beste Regisseure. Beide kommen aus den heuer eher spärlich vertretenen USA. Joel Coen wurde für die Film-Noir-Variation "The Man Who Wasn't There" prämiert, in der Billy Bob Thornton einen Friseur als absurden "klassischen modernen Helden", der sich in ein Mordkomplott verstrickt, spielt. Und David Lynch überzeugte mit seinen düsteren Hollywood-Albtraum "Mulholland Drive". Einen Preis für das beste Drehbuch erhielt Danis Tanovics tragikomischer Kriegsfilm "No Man's Land", in dem der Jugoslawienkrieg quasi in einem einzigen Schützengraben zur makabren No-Win-Situation für alle Gegner wird.

Aber zurück zum Kino und zur Politik: Dezidiert nicht im Umfeld von historischen und politischen Debatten, sondern vor allem als filmisch präziser Handwerker wollte in Cannes auch Claude Lanzmann betrachtet werden - mit einem Werk, das leider nur "außer Konkurrenz" gezeigt wurde, aber jeden erdenklichen Preis verdient hätte.

Dem monumentalen Holocaust-Essay "Shoah" (1985) fügte der französische Filmemacher mit "Sobibor, 14 octobre 1943", 16 heures jetzt ein Sonderkapitel hinzu: Ausgangsmaterial ist ein bereits 1979 geführtes Interview mit einem Überlebenden, der in Sobibor den einzigen erfolgreichen Aufstand in einem NS-Vernichtungslager mitinitiierte.

Wie dieser Yehuda Lerner innerhalb einer Stunde, immer wieder durch eine Dolmetscherin unterbrochen, an zehn Minuten Angst, Gewalt, Befreiung, Erschöpfung erinnert, wäre für sich schon aufregend genug. Der sparsame, kontrapunktische Einsatz von heutigen Reisebildern aus Sobibor eröffnet diesem Monolog aber einen Zeit-Raum, in dem über die beliebte Täter-Opfer-Dialektik hinaus nachgedacht werden kann.

Lerner erzählt über das tierische Triumphgefühl, nachdem er einem Deutschen mit einer Axt den Schädel spaltete. Nicht weniger bestialisch, so Lanzmann, sei aber die beliebte Phrase, Millionen von Menschen wären wie Opferlämmer in die Gaskammern marschiert. Laut schnattern Gänse auf einem Rasen in Sobibor, wenn Lerner erzählt, dass die Nazis mithilfe dieser Vögel oft die Verzweiflungsrufe der in die Gaskammern Überführten übertönten.

Bild und Rede, so konkret sie argumentieren, werden förmlich zu Farbtupfern in einer abstrakten Disharmonie des Grauens, deren Schöpfer weiß, dass man dem Holocaust nicht mit betulichen Guido-Knopp-Belehrungen beikommt. Am Ende addiert Lanzmann dann wortwörtlich 250.000 in Sobibor vernichtete Leben entlang einer Statistik. Die Monotonie, die einem solche Zahlenreihen aufzwingen, wenn man sie vorliest - sie darf nie in abgeklärte Gleichgültigkeit übergehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2001)

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