Auf steilen Pfaden zum eigenen Einkommen

21. Mai 2001, 13:02
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Im Himalaja wird weibliches Unternehmertum groß geschrieben

Katmandu - Immer mehr Entwicklungsprojekte entdecken die im südasiatischen Hochgebirge lebenden Frauen als zuverlässige Wirtschaftsfaktoren. Mit etwas Schulung und mit Kleinstkrediten gibt man ihnen die Chance, eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Frauen in Indien und Nepal, Pakistan und China nutzen diese Chance mit bemerkenswertem Erfolg.

So auch Bhago Devi, die in den Kangra-Bergen im indischen Teil des Himalaja lebt. "Es ist nie zu spät, sein Leben zu verändern", dachte die gut 50-jährige Großmutter, die weder lesen noch schreiben kann und verlegte sich begeistert auf die Gärtnerei. Wie Hunderte anderer Bergbewohnerinnen der Region züchtet sie auf präparierten Spezialfolien schnell wachsende Blumen, die in der Ebene verkauft werden.

In Chitral im Nordwesten Pakistans investieren Bauersfrauen ihre bescheidenen Ersparnisse, die ihnen der Verkauf ihrer Erzeugnisse eingebracht hat, in winzige Läden. Auch sie wollen finanziell unabhängig werden.

Im gewaltigen Hindukusch-Massiv des Himalaja, das sich bis nach Birma, Bangladesch, China, Bhutan, Nepal, Indien, Pakistan und Afghanistan ausbreitet, leben 140 Millionen Menschen. In all diesen Ländern besinnen sich die unter schwierigen Bedingungen im Hochgebirge lebenden Frauen mit Hilfe zahlreicher, spezieller Entwicklungshilfeprogramme auf die Möglichkeit, durch die Etablierung von Kleinstunternehmen eigenes Geld zu verdienen.

Nach den Erfahrungen, die Shabnam Ara vom Landwirtschaftlichen Förderprogramm des Aga Khan (AKRSP) gemacht hat, gehen sie dabei verantwortungsvoller vor als Männer. AKRSP fördert gezielt die landwirtschaftliche Entwicklung in entlegenen Gebirgsregionen.

In nur fünf Jahren, so berichtet Ara, sind die Ersparnisse der Frauen in Chitral von 50.000 Rupien (1.000 Dollar) auf das Fünffache angewachsen. Einen großen Teil dieses Verdienstes geben sie für die Ausbildung ihrer Kinder und für die Gesundheitsvorsorge aus.

Förderprogramme wie dieses gibt es auch für Gebirgsbewohnerinnen in anderen Regionen der Erde, in Afrika, Lateinamerika und in Europa. Eine internationale Konferenz, an der Delegierte dieser Initiativen zu einem Erfahrungsaustausch zusammen kommen, findet im Mai 2002 in Katmandu, der Hauptstadt Nepals statt. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2002 zum Jahr der Gebirge ernannt.

"Man weiß seit langem, dass Frauen in den Überlegungen und Planungen der Entwicklungshilfe für den Hindukusch nicht besonders berücksichtigt werden", kritisiert Jeanette Gurung vom Internationalen Zentrum für die integrierte Entwicklung der Gebirgsregionen (ICIMOD) in Katmandu.

Dabei sind es die Frauen, die für fast die gesamte Arbeit in der Landwirtschaft und im Haus verantwortlich sind. Sie verfügen über überlieferte Kenntnisse und behaupten sich auch als Geschäftsfrauen in kleinen Handwerksbetrieben und in der Lebensmittelherstellung.

Untersuchungen in der Region des Hindukusch haben ergeben, dass besonders Frauen von den Folgen des im Hochgebirge betriebenen Raubbaus an den Naturressourcen zu leiden haben. Sie müssen immer weitere Wege zurücklegen, um an Wasser, Brennholz und Viehfutter zu kommen.

Bodenerosion, Erdrutsche und Missernten gehen ebenfalls auf diesen Raubbau zurück. Die Männer, für die es im Gebirge keine Arbeit mehr gibt, müssen ihre Familien verlassen und in den Städten arbeiten.

Auch die Gesundheit der Frauen wird überstrapaziert. Sie sind überarbeitet, gesundheitlich schlecht versorgt, unterernährt und immer wieder schwanger. "Doch Entwicklungsprogramme und Projekte für diese Regionen sind eindeutig auf die Männer ausgerichtet", kritisiert Jeanette Gurung.

Die Verdienstmöglichkeiten der im Hochgebirge lebenden Frauen sind überwiegend auf die Arbeit in Haus und Hof beschränkt. Wie ICIMOD in einer Untersuchung ermittelt hat, sind die einträglicheren Geschäfte den Männern vorbehalten. Sie erhalten Kapital und Kredit, und ihre Absatzmärkte sind weitaus größer.

In jüngster Zeit aber bemühen sich Regierungs- und internationale Organisationen wie der UN-Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) diese Situation zu verändern.

Ihr Konzept sieht vor, Frauen bestimmte Fertigkeiten und Techniken beizubringen, die es ihnen ermöglichten, in einem kleinen Laden selbst hergestellte Lebensmittel, Geräte und Blumen zu verkaufen. Vor allem aber müssen die betroffenen Frauen erkennen, welche wichtige Rolle sie nicht nur für den Unterhalt der Familie, sondern auch für Wirtschaft, Kultur und Gemeinschaft spielen.

Schulung und eigenes Einkommen werden ihnen diese Erkenntnis leichter machen, glaubt Elizabeth Byers vom 'Mountain Forum', einer US-Hilfsorganisation mit Sitz in West Virginia.

Mittlerweile arbeiten zahlreiche Initiativen nach diesem Konzept. Indiens Entwicklungsprojekt für Frauen und Kinder in ländlichen Gebieten etwa schult Frauen im Darjeeling im nordöstlichen Bundesstaat Assam in der Schweine- und Viehzucht, der Milchwirtschaft und im Getreideanbau. Nach der Ausbildung erhalten die Frauen verbilligte Kredite.

In der chinesischen Provinz Yunnan lernen Frauen im Rahmen verschiedener Projekte der Frauenföderation lesen und schreiben sowie Gesundheitsvorsorge und landwirtschaftliche Grundkenntnisse.

Ein UN-Projekt in Birma bietet Frauen, die im Gebirge leben Kurse an, in denen sie lernen, wie man strickt, schneidert, Marmelade herstellt, Kerzen gießt und die eigenen Produkte vermarktet. Manche Frauen werden zudem in die Buchhaltung eingeführt und erhalten Zugang zu einem Fonds, der immer wieder aufgestockt wird.

Nepal verhilft Bauersfrauen zu den technischen Voraussetzungen und zu Krediten für Projekte, mit denen sie ihr eigenes Einkommen erwirtschaften können.

Auch der Hochgebirgstourismus erschließt im Königreich Nepal Frauen neue Verdienstmöglichkeiten. Vor allem in der Umgebung des Annapurna-Gebirges tauchen immer mehr weibliche Bergsteiger auf. Hier unterhalten Nepalesinnen Berghütten. Sie schleppen das Touristengepäck von der Straße zu den Hütten und Teestuben, die häufig an Steilhängen, weit weg von allen Straßen, liegen. (IPS)

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