Zeitungskrieg in Budapest

21. Mai 2001, 11:45
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Kämpfen um deutsche Leser: "Neuer Pester Lloyd" und "Budapester Zeitung"

Als wäre es eine Geschichte aus Moskau. Die Rede ist von "Mafia-Geldern", "SED-Fluchtgeldern", "Geldwäsche" und anderen kriminellen Machenschaften. So habe man versucht, den Start seines Blattes zu verhindern, erzählt Jan Mainka, Gründer und Chefredakteur der "Budapester Zeitung". In Umlauf gebracht habe diese Verleumdungen niemand anderer als der Herausgeber des "Neuen Pester Lloyd", Gotthard B. Schicker. Zwischen beiden Blättern herrscht Krieg - auch wenn es ein Krieg unter Zwergen ist.

Begonnen hatte alles mit einer wunderbaren Freund- und Partnerschaft. 1994 hatten Mainka, Schicker und ein dritter Partner den "Neuen Pester Lloyd" aus der Taufe gehoben, der an den legendären "Pester Lloyd", das führende deutschsprachige Blatt Ungarns während der Monarchie, anknüpfen sollte. In dieser Zeitung schrieben einst Thomas und Heinrich Mann, Alfred Polgar und Stefan Zweig. Die Geschichte des "Pester Lloyd" endet unrühmlich während des Zweiten Weltkriegs. Erst erfolgt die Gleichschaltung durch das Nazi-Propagandaministerium, dann flüchtet die Redaktion 1945 vor der Roten Armee. Unter dem Kommunismus erscheint die Zeitung nicht mehr.

Deutschland ist der größte ausländische Investor

Die Neugründung erfolgt mit einem Bankkredit und privaten Ersparnissen. Der "Neue Pester Lloyd" erscheint als Wochenzeitung und will die wachsende deutschsprachige Gemeinde Ungarns ansprechen. Das Marktpotential ist vorhanden. Nicht nur, dass in Ungarn eine deutsche Minderheit von etwa 200.000 Menschen lebt, sondern darüber hinaus spricht eine beträchtliche Anzahl Menschen deutsch. Und mit dem Kapitalismus kommt eine große Zahl deutscher Geschäftsleute ins Land. Deutschland ist der größte ausländische Investor in Ungarn.

"Wir sehen uns in einer Brückenfunktion zwischen Ungarn und dem deutschsprachigen Raum. Wir sehen dieses Land, in dem wir zu Gast sind, als Freunde und erlauben uns, mit freundschaftlichen Kritik zu üben", erläutert Schicker die Blattlinie. Das Resultat ist ein 16 Seiten starkes Kleinformat zum Preis von 280 Forint (1,083 Euro/14,9 S), das in mehrfacher Hinsicht altmodisch wirkt. Nachrichten aus Politik und Wirtschaft werden ergänzt um Informationen um Stil einer Vereinszeitung. Aktualität und Originalität sind nicht die Sache des "Neuen Pester Lloyds".

Konservatismus

Dagegen wollte Mainka schließlich zeigen, was er kann. "Das ist so abgeglitten in Richtung Konservatismus und da dachte ich mir: Ich bin noch zu jung, um auf der Titanic zu sterben", sagt er. Dieses Bild hält er für besonders gelungen: "Das wäre schön, wenn Sie das so bringen können", betont er. So kam es 1999 zum großen Krach. Im März 1999 gründete er dann als Konkurrenz seine "Budapester Zeitung", die am 20. Mai genau zwei Jahre auf dem Markt sein wird.

Wirtschaftsblatt

Schwelgt der "Lloyd" in der Vergangenheit, bemüht sich die "Budapester Zeitung" massiv, ein Wirtschaftsblatt zu sein. "Wir schreiben für die Wirtschaftstreibenden und ihre Bedürfnisse", sagte Mainka. Was auch heißt, dass man Inserenten im redaktionellen Bereich sehr weit entgegen kommt. So wird berichtet über den Kindergarten A., weil dort die Ehefrau jenes Unternehmens im Elternbeirat sitzt, dessen Geschäftsführer gerade ein halbseitiges Inserat versprochen hat, etc. Mainka scheint das nicht einmal zu stören, und stolz vergleicht er das ungleich höhere Anzeigenvolumen in seiner "Budapester Zeitung" mit jenem des "Neuen Pester Lloyd".

Die finanzielle Existenz beider Blätter ist nicht einfach. "Wir sind lebensfähig", meint zwar Schicker. "Aber man lernt hier schon eine gewisse Bescheidenheit." Die Auflage des "Lloyd" gibt er mit 15.000 Stück in der Woche an, damit erreiche man etwa 70.000 Leser. 6.000 Stück gehen nach Schickers Angaben an Abonnenten, 4.000 in den freien Verkauf, der Rest wird an Schulen, Reisebüros, Fluglinien und andere verschenkt. Seine Ausführungen über billigere Telephonanschlüsse zerstreuen die Zweifel an der wirtschaftlichen Stärke des Blattes nicht gerade.

Mainka will die Frage nach der Auflage zunächst nicht beantworten: "Wieviel hat er (Schicker, Anm.) gesagt?" "15.000." "Dann sage ich auch 15.000. Ich weiß ja, dass seine Zahlen nicht stimmen". 20-30 Prozent der wöchentlichen Auflage der "Budapester Zeitung" gingen zum Preis von 290 Forint in den freien Verkauf, sagt Mainka. Dann verrät er doch: "1.000 Stück, als zehn Prozent, bieten wir auch in Deutschland an." Bleibt nur noch die Frage, ob seine Zeitung überleben kann. Mainka antwortet mit einem lebhaften "Ja" - das dennoch nicht überzeugen kann. (APA)

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