Tödliche Traurigkeit

21. Mai 2001, 11:30
posten
Im Frühjahr erreicht die Selbstmordrate in Mitteleuropa überraschenderweise ihren Höhepunkt. Trotz Sonnenschein und warmen Temperaturen sind viele Menschen todunglücklich. Der Wiener Psychiater und Leiter des Institutes für psychosoziale Forschung Prof. Dr. Stefan Rudas berichtet im Interview mit mymed.cc über die neuesten Erkenntnisse von den Ursachen der Frühjahrsdepression.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Professor Rudas, warum beenden viele an Depressionen leidende Menschen ausgerechnet zur schönsten Jahreszeit freiwillig ihr Leben?

Rudas: Eine schwere Depression ist eine ernste Erkrankung, die mehrere Ursachen haben kann und die leider immer noch von vielen Menschen unterschätzt wird. Betroffene bekommen von ihrer sozialen Umgebung oft nur ein "Reiß dich zusammen!" zu hören. Dabei besteht für sie nicht nur im Frühjahr eine hohe Suizidgefahr. Immerhin 11 Prozent aller schwer Depressiven versuchen mehrmals, sich umzubringen.

Mymed: Im Winter wird der allgemeine Lichtmangel als Auslöser für viele Depressionen verantwortlich gemacht. Warum finden trotzdem die meisten Selbstmordversuche im sonnigen Frühjahr statt?

Rudas: Die psychiatrische Forschung hat dafür derzeit folgende Erklärungs-Hypothese: Depressiv erkrankten Menschen wird ihr Unglück gerade im Frühjahr verstärkt bewusst, da es im Kontrast zur aufblühenden Fröhlichkeit der meisten anderen Menschen steht. Schließlich sieht man sich selbst immer im Spiegel seines sozialen Umfeldes. Im Winter sind die meisten gedämpft, im Frühjahr blühen alle auf. Da empfinden depressive Menschen ihre Einsamkeit und Traurigkeit noch stärker. Sie werfen gleichsam einen bilanzierenden Blick in den Spiegel ihres Schicksals.

Mymed: Wie viele Menschen sind von der Krankheit betroffen?

Rudas: Jeder vierte Mensch leidet zumindest einmal im Leben an einer Depression. In den meisten Fällen tritt die Erkrankung in leichten Formen auf und dauert nur kurz an. Immerhin neun Prozent aller Menschen erleben jedoch eine schwerwiegende Depression, die über mehrere Wochen anhält. Wenn äußere Faktoren wie zum Beispiel ein Schicksalsschlag die Ursache sind, spricht man von einer reaktiven oder psychogenen Depression. Wenn die sozialen Faktoren daran aber nur einen kleinen Anteil haben, ist meist eine Störung des Serotonin- und Melatoninhaushaltes die Hauptursache. Dann handelt es sich um eine sogenannte endogene Depression.

Mymed: In welche Kategorie fällt die Frühjahrsdepression?

Rudas: Eine Frühjahrsdepression unterscheidet sich nur wenig von einer typischen Herbstdepression, die oft durch ein Absinken des Serotoninspiegels ausgelöst wird. Serotonin ist ein Botenstoff im Körper, der uns vor depressiven Zuständen bewahrt. Seine Produktion wird durch Sonnenlicht angeregt und nimmt an trüben Wintertagen bei manchen Menschen schnell ab. Ein derzeit noch oberflächliches Modell erklärt die Frühjahrsdepression damit, dass bei anderen Menschen die Serotoninvorräte gerade über die Wintermonate reichen und mit Beginn des Frühjahres aufgebraucht sind. Bis zur neuen, durch das Sonnenlicht angeregten Produktion vergeht eine kurze Zeitspanne, in der die typische Frühjahrsdepression auftreten kann. Von dieser saisonal bedingten Depression sind etwa 2 bis 5 Prozent aller Menschen betroffen. Eines der typischen Merkmale der Frühjahrsdepression ist ein gesteigerter Appetit. Das unterscheidet sie auch von anderen Formen, die mit Appetitlosigkeit einhergehen.

Mymed: Wie wird eine Frühjahrsdepression am besten behandelt?

Rudas: Eine Therapie muss auf die Entstehungsfaktoren und Abläufe der Erkrankung Rücksicht nehmen. Ideal ist eine individuell abgestimmte Kombination aus medikamentöser Therapie, Psychotherapie und sozialen Maßnahmen. Leider wird heute immer noch jede zweite Depressionserkrankung nicht erkannt. 25 Prozent werden falsch diagnostiziert, 15 Prozent zwar erkannt, aber nicht optimal behandelt, und nur 10 Prozent aller Fälle werden erkannt, richtig diagnostiziert und optimal behandelt.

Mymed: Manche Menschen leiden sehr stark unter Frühjahrsmüdigkeit. Wie merken sie, ob sie bereits an einer Depression erkrankt sind?

Rudas: Eine depressive Erkrankung unterscheidet sich durch die Dauer und die Intensität von einer vorübergehenden Traurigkeit und Müdigkeit. Echte Depressionen dauern mindestens vier Wochen an und gehen einher mit trauriger Verstimmung, innerer Unruhe, Schlafstörungen, Antriebsstörungen, Interesselosigkeit, sozialem Rückzug und diffusen körperlichen Beschwerden. Wer nur frühjahrsmüde ist, erlebt zwischendurch immer wieder Momente der Fröhlichkeit. Wer depressiv ist, den freut zum Beispiel nicht einmal der entscheidende Sieg seiner Lieblings-Fußballmannschaft.

Mymed: Herr Professor Rudas, wir danken für das Gespräch!

[Mymed lädt alle betroffenen und interessierten User ein, den Mymed.cc Helpchat Depression zu besuchen, der jeden Montag und Donnerstag von 18 bis 24 Uhr von Psychologen und Psychotherapeuten betreut wird.]



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
Share if you care.