"Vorsicht - hier lebt ein Sexualstraftäter"

21. Mai 2001, 09:58
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Vorbestrafte müssen sich in Texas kenntlich machen

Corpus Christi - "Vorsicht - hier lebt ein vorbestrafter Sexualstraftäter". Im US-Bundesstaat Texas müssen 21 Männer über richterlichen Auftrag Schilder mit dieser Aufschrift vor ihren Häusern aufstellen. Auf den Stoßstangen ihrer Wagen müssen sie ebenfalls einen Aufkleber anbringen: "Achtung, vorbestrafter Sexualstraftäter im Auto". Die Behörden wollen stichprobenartig kontrollieren, ob die Anordnung befolgt wird.

Steckbriefe von potentiellen Wiederholungstätern

Der Chef der Anwaltskammer von Corpus Christi, Gerald Rogen, sprach von einem Verfassungsbruch und Rückfall ins Mittelalter. Der Spruch ist jedoch keine einsame Richterentscheidung. Mit "Megans Law" gibt es in den USA eine längere, einschlägige Tradition: Die öffentliche Reaktion auf einen Sexualmord an einem siebenjährigen Mädchen in New Jersey, Megan Kanka, führte dazu, dass Justizbehörden die Kommunen vor der Heimkehr von aus der Strafhaft entlassenen Sexualstraftätern warnen. Megan Kanka war von einem davor zweifach verurteilten Sexualattentäter vergewaltigt und erwürgt worden; der Mann wurde 1997 zum Tod verurteilt. In zahlreichen Bundesstaaten beschreiben seither Aushänge an öffentlichen Gebäuden jene Personen, die nach Ansicht der Justiz rückfällig werden könnten.

Solche Steckbriefe mit Foto, Adresse, Telefonnummer und Autokennzeichen verteilt die Polizei auch an Schulen und in der Nachbarschaft der Betroffenen - dieser letzte Schritt ist allerdings nicht in allen Bundesstaaten zulässig.

Resozialisierungsdebatte

Fast alle US-Bundesstaaten führen aber seit Beginn der 90er-Jahre ein Register über Sexualstraftäter. In Alaska wurden die Namen und Adressen entlassener Häftlinge nach Sexualdelikten 1997 im Internet veröffentlicht. In den ersten 24 Stunden nach ihrer Einrichtung wurde diese Internetseite fast 4000-mal angewählt.

GegnerInnen wenden ein, dass den Verurteilten nach Verbüßung ihrer Strafe kein normales Leben ermöglicht, eine Resozialisierung verunmöglicht werde. In Österreich gelten für Sexualattentäter über die gerichtlichen Strafen hinaus Berufsverbote - für pädagogische Dienste ist Unbescholtenheit Voraussetzung.
(AP/red)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.5. 2001)

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