Hürdenlauf im Rollstuhl

20. Mai 2001, 22:28
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Über die nicht behindertengerechte Adaption des alten AKH zum Uni-Campus

Wien - Start zum Hürdenparcours. Eva Rohrer rollt zum Büro der Hochschülerschaft (ÖH) am Uni-Campus. Als Erstes zu bewältigen: das Türschwellenglockenhindernis. Rohrer ist Psychologiestudentin und sitzt nach einem Arbeitsunfall im Rollstuhl. Sie streckt sich nach der Glocke neben dem Eingang. Geht nicht, zu hoch. Sie versucht alleine, die Türe zu öffnen. Eva Rohrer bleibt samt Rollstuhl zwischen Tür und Türschwelle stecken.

Der Campus wurde um eine Milliarde Schilling renoviert. 1998 feierten Ministerium und Universitätsverwaltung stolz die Eröffnung und die gelungene Sanierung. Geplant wurde nach Behindertenbaunorm. Nur am Reißbrett: Die Umsetzung ist mehr als mangelhaft, zeigt der Alltag.

"Behinderte sind hier nicht erwünscht", redet sich Eva Rohrer in Rage. Sie hat vor längerer Zeit bereits eine Unterschriftenliste mit 600 Unterstützungserklärungen der Universitätsleitung übergeben. Damit der Campus behindertengerecht nachgerüstet wird. Reaktion? Bis jetzt keine.

Die beiden Uni-Behindertenbeauftragten, Kornelia Götzinger und Josef Wettinger, bedauern: Keine Kompetenzen, kein Budget. Die beiden sitzen selber im Rollstuhl. "Wir können nur aufzeigen." Der zuständige Vizerektor der Universität Wien, Johann Jurenitsch, gab im STANDARD-Gespräch an, von derlei Problemen nichts zu wissen. Er wolle aber prüfen.

Zur weiteren Demonstration steuert Eva Rohrer "die nächsten Gustostückerln" an: Bei der Bibliothek für Tibetologie steht sie vor der Entscheidung, entweder irgendwie 19 Stufen zu erklimmen. Oder den Aufzug zu nehmen. Der ist aber abgesperrt.

Weiter: Das Büro für Frauenfragen - fünf Stufen, kein Lift, keine Rampe.

Bibliothek am Institut für Amerikanistik und Anglistik - zwei Stufen. Es gibt eine Rampe. Hinter einer versperrten Tür. "Es gibt keine Möglichkeit, alleine in die Bibliothek zu kommen. Behinderte müssen sich immer telefonisch anmelden, damit jemand die Tür zur Rampe aufsperrt", beschreibt Rohrer den täglichen Aufwand: Jeder Weg erfordert intensive, zeitraubende und als Diskriminierung empfunde Vorausplanung.

Nicht nur Rollstuhlfahrer kämpfen mit den Bedingungen. Die Wegweiser sind - scheint's - nur für Sehende da. Nicht ein einziges Orientierungsschild gibt es in Brailleschrift. Nicht einmal in den Liften können sie den richtigen Stockwerkknopf ertasten.

Kornelia Götzinger hat einen Voranschlag eingeholt, was ein blindengerechtes Nachrüsten der Lifte kosten würde - rund 800.000 Schilling. Kostenantrag hat sie noch keinen gestellt. In den letzten Monaten seien solche nämlich immer abgelehnt worden - "aus Spargründen", laute die Begründung. Etwa jener, am ÖH-Büro die Glocke tiefer zu setzen. Das kostet 25.000 Schilling. Aber Eva Rohrer würde nicht mehr in der Tür stecken bleiben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Mai 2001)

Von Andrea Waldbrunner
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