Mit Rammstein in der Schwulendisco

22. Mai 2001, 10:23
21 Postings

... und die Stadthalle zählt laut bis zehn

Schneewittchen also. Was eigentlich nur die Idee eines Video-Regisseurs sein sollte, steht durchaus symbolkräftig für die Schwierigkeiten, die viele mit Rammstein haben - und die dann auf die Band selbst zurückschlagen. "Wir haben gelernt, dass wir uns nicht mehr immer rechtfertigen müssen", meint Schlagzeuger Christoph Schneider; und führt seine Aussage im Anschluss gleich selbst ad absurdum: "Wir haben keine rechtsextreme politische Einstellung - wir wissen das!"

Blick zurück auf die 80er: Da gab es eine lärmige slowenische Band namens Laibach, der von trotteligen Rezensenten Faschismus-Verherrlichung vorgeworfen wurde. Von wegen Hakenkreuze auf Plattencovern und so. Was solchen Leuten einfach nicht ins Hirn wollte, war, dass Laibach diese Symbole eben gerade deshalb aufgriffen, um den dahinter liegenden "Gedanken" zu karikieren und bloßzustellen.

"Ein Fleisch, ein Blut
ein wahrer Glaube
eine Rasse und ein Traum
ein starker Wille!"

Ein Text von Laibach ("Geburt einer Nation"). Schockschwerenot. Doch liegt der eigentliche Schock darin, dass es sich bei solch textlicher Entgleisung um eine Coverversion von Queen ("One Vision") handelt. Laibach haben sie bloß 1 : 1 ins Deutsche übersetzt und - durchaus wörtlich zu verstehen! - mit Pauken und Trompeten herausgestrichen, was da hinter der scheinbar unschuldigen Pomprock-Fassade steckt.

So entlarvten Laibach unter gezielter Verwendung von Leni Riefenstahl-Ästhetik das faschistoide Potenzial ach so harm- und geistlosen Stadionrocks und des von ihm eingeforderten Aufgehens in der Masse. " ... and the feeling of the people is the feeling of the land ... ("Life is live" von Opus; noch so eine gelungene Cover-Version.) Heute würden sie wohl Ricky Martin covern. Grundvoraussetzung dieser Strategie und des künstlerischen Gesamtkonzepts von Laibach war jedenfalls das eiserne Durchhalten der gewählten Fascho-Ästhetik.

Schneewittchen im Teutoburger Wald

Rammstein sind davon so weit entfernt wie nur was. Nicht nur, dass sie mit Sicherheit nicht über das intellektuelle Rüstzeug von Laibach verfügen - es ging ihnen auch nie darum, irgendetwas zu entblößen (zumindest nichts Politisches). Aber auch nicht darum, etwas zu verherrlichen.

Rammstein basteln seit ihrer Entstehung an ihrem eigenen, höchst apolitischen, Universum voller kraftmeiernder Romantizismen. Die Wirkung archaischer Symbole ist ihnen bekannt, und darum verwenden sie sie auch. Bei der Auswahl sind sie freilich nicht besonders wählerisch: neben altertümlicher Mann-Maschine-Ästhetik wie weiland in den 80ern (und davor in den 30ern) und martialischem Gehabe hat da auch ein Schneewittchen Platz - und nicht irgendeines, sondern eindeutig das Walt Disney-Schneewittchen aus den 30er Jahren. Wir lernen daraus: egal worauf das Symbol verweist, Hauptsache bildgewaltig und irgendwie alt.

Die fehlende Trennschärfe ist somit das einzige, was man Rammstein wirklich vorwerfen könnte. Die Zeichen sind eben nicht unschuldig - und wer mit ihnen unbedarft umgeht, muss damit rechnen, dass man ihm auf die Finger klopft. Erst recht, wenn er wie die Vertonung der Schlacht im Teutoburger Wald klingt.

Links, rechts, reuig?

Wie auch immer: Rammstein sind aus den genannten Gründen reichlich gedögelt worden - und sie haben auf die Vorwürfe reagiert. "Mein Herz schlägt links 2 3 4 ..." nennt sich der Versuch einer Klarstellung - und konnte, nicht zuletzt musikalisch, nur geteilte Begeisterung hervorrufen. Von wegen zu bemüht und so. - Je nun, sie haben's versucht. Und jeder eben, wie er kann.

Im Grunde war das auch schon das Politischste, was Rammstein jemals von sich gegeben haben. Denn liest man sich ihre Texte mal eben gesammelt durch, dann stößt man verblüffenderweise auf eine geballte Ladung an ... Liebesliedern. Von der eher animalischen Art, gewiss (“Du riechst so gut, ich geh dir nach ...“), aber nichtsdestotrotz. Und eigentlich ausschließlich. Hmm, wer hätte das gedacht – sicher nicht diejenigen, die laut „Faschisten!“ schreien.

Wahlverwandtschaften

Höchst unrechts ist die Herangehensweise der Rammsteine an das Thema genau genommen, denn ihre Texte suhlen sich genüsslich in jeder nur erdenklichen „pervertierten“ Version des Themas Nummer Eins – und wenn man den Rechten eines nicht zuschreiben kann, dann dass sie bewusst sexuelle Subversion propagieren würden. Oder wüssten, was das heißt.

Was zum nächsten interessanten Punkt führt: Mit wem lassen sich Rammstein am ehesten vergleichen? So sehr sie auch als singuläre Erscheinung gehandhabt werden - Verwandtschaften gibt es, und die sind teils überraschend: Abgesehen von – no na – ihren ewigen Vorbildern Oomph stehen ihnen wahrscheinlich die Mittelalter-Metaller In Extremo am nächsten, mindestens genauso nahe aber .... Überraschung, Überraschung ... Rosenstolz.

Von letzterem nicht überzeugt? Dann sei hier ein Blick auf erstens Texte (sonder Zahl; Einzelbeispiele können unterbleiben) und zweitens die pathosverliebten Melodiebögen („Bestrafe mich“, „Du hast“, „Mein Herz brennt“ und viele andere) empfohlen. Etwas die Metal-Anteile zurückgenommen – gar nicht mal soooo viel übrigens – und man wähnt sich auf einem Konzert des Berliner Nymphoman-Duos. Ein Duett zwischen Anna R. und Till Lindemann bietet sich geradezu an.

[Und nachträglich erweist sich, dass das Schneewittchen-Motiv - ungewollt(?) - einer der luzideren Momente im Schaffen von Rammstein war. Denn überdenkt man kurz die zugrunde liegende Situation - einsame Frau unter bergwerkenden Männern - dann kommt die frustkoksende Sex-Maschine aus "Sonne" der ... ähäm ... Realität sicher näher als Disneys hygienische Unschuld.]

Jedem das Seine

Schade, dass Rammstein nicht eine Woche später nach Wien kommen – auf die dann beginnende Europride würden sie mit ihrer Ästhetisierung von Männerleibern gar nicht mal so schlecht passen. - Die Chance, dass es aus irgendeiner Dark Room-Disco “Unterm Nabel im Geäst / wartet schon ein weißer Traum / Brüderlein komm halt dich fest / und schüttel mir das Laub vom Baum ...“ tönen wird, ist aber auch so groß genug.

So kann sich eben jede(r) vom Rammstein rausmeißeln, was ihm oder ihr gefällt. Teenager mit Dröhnungsbedürfnis den Metal, StudentInnen auf der Suche nach Ironie den Spaß, Frauen und Schwule die nackten Oberkörper, Heteros das vorbildliche Machogehabe, Anhänger dunkler Romantik die expressionistischen Text-Gedichte, alle zusammen das schwelgerische Pathos ... ja, und unverbesserlich Rechtsdenkende eben die Kriegerposen. Aber wie gesagt: bei Ricky Martin können die sich ihre Dosis Entindividualisierung genausogut abholen.

Wir schicken jedenfalls eine ganze Delegation zum Konzert. Und die Chance, dass es uns gefallen wird, ist ziemlich groß. (findus)

Rammstein spielen live in der Wiener Stadthalle am Dienstag, dem 22. Mai, ab 19.30 Uhr.

Vorband sind Clawfinger – man kann also getrost noch ein paar weitere Runden auf der Suche nach einem besseren Parkplatz drehen.

Heimseite von Rammstein

Vorbemerkung: Dieser Artikel ist weniger für eingefleischte Rammstein-Fans gedacht. Ihr habt längst „Mutter“ mit den früheren CDs von Rammstein verglichen, euch eure Meinung darüber gebildet und – je nachdem, zu welchem Ergebnis ihr gekommen seid – Konzert-Tickets gekauft oder auch nicht.

Dies ist für diejenigen, die mit dem sperrigen und irgendwie furchteinflößenden Ding namens „Rammstein“ bislang nichts Rechtes anfangen konnten.
Share if you care.