Massive deutsche Kritik am AKW Temelín

20. Mai 2001, 19:32
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Expertenbericht vergleicht Reaktor mit deutschen Bestimmungen und listet Schwachpunkte auf

Das Atomkraftwerk Temelín weist beträchtliche Sicherheitsmängel auf. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS). Die Studie wurde schon im Herbst erstellt - vor Beginn des derzeit unterbrochenen Probebetriebs. Auftraggeber waren Umweltministerium und Bayerische Landesregierung. "Temelín wäre in Deutschland nicht genehmigungsfähig", hatte darauf Umweltminister Jürgen Trittin im in einem STANDARD-Interview erklärt. Die Untersuchung liegt nun detailliert vor.

O "Einzelne technische Ausführungen für den Einschluss radioaktiver Stoffe unterscheiden sich von der deutschen Genehmigungspraxis. Dazu gehört der fehlende Zwischenkühlkreislauf zwischen dem nuklearen Bereich und dem sicheren Nebenkühlwassersystem."

O Radiologische Folgen: Hier wird auf eine Diskrepanz zwischen den deutschen und den US-Annahmen hingewiesen - die Kriterien für die Strahlenexposition sind in den USA strenger, sonst sind die Auflagen weniger restriktiv. Da die Betreiber Westinghouse-Technologie verwendeten, orientieren sie sich vor allem an den US-Bestimmungen. Abhängig von der Berechnungsart ergeben sich höhere oder niedrigere Werte.

O Die Sicherheitssysteme sind in Temelín mit den Frischdampf- und Speisewasserleitungen ohne räumliche Trennung untergebracht. Dies wird von den deutschen Experten als größtes Problem ausgewiesen, da "beim Versagen von Rohrleitungen Folgeschäden an benachbarten sicherheitstechnisch relevanten Komponenten bzw. Einrichtungen eintreten können".

Damit würden die Anforderungen des aktuellen deutschen Regelwerks nicht erfüllt. Dieser Anlagenteil ist aus Sicht der Experten "eng bezogen auf idealisierte Bruchannahmen" und so "nicht ausreichend robust".

O Im Bereich der Messwerterfassung für den Reaktorschutz wäre "nach deutschem Regelwerk" Vorsorge "gegen systematische Ausfälle" zu treffen, auch die Atomenergiekommission empfehle dies.

O Außerdem heißt es, die vom Betreiber ausgewiesenen "Eintrittshäufigkeiten für den Absturz von Flugzeugen sind deutlich geringer", als dies für neuere deutsche KKW unterstellt wurde. Es seien "geringere Lastannahmen zugrunde gelegt als im deutschen Regelwerk gefordert".

Es wird darauf verwiesen, dass generell nicht untersucht wurde, "inwieweit die sicherheitstechnischen Komponenten und Einrichtungen infolge eines Erdbebens geschädigt werden können und sich hierdurch andere Störfallabläufe als die hier untersuchten ergeben würden".

O Die deutschen Experten kritisieren, dass bei den Annahmen über Störfälle nicht berücksichtigt wurde, was bei "Nichtöffnen des betroffenen Frischdampf-Abblaseventiles" passiert oder wenn "Ventile in Offenstellung" bleiben.

Obwohl die deutschen Experten in ihrem 23-Seiten-Bericht zahlreiche Defizite aufgelistet haben, weisen sie ausdrücklich auf Einschränkungen hin. Ihre Überprüfungen waren abhängig davon, wie detailliert die Angaben der Reaktorbetreiber Temelíns übermittelt wurden.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Mai 2001)

Von STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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