Der wilde Osten wird erwachsen

21. Mai 2001, 09:13
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Anlageexperten sehen nun auch für weniger risikobereite Anleger einen günstigen Zeitpunkt für den Einstieg in die Wachstumsmärkte Osteuropas

Wien - Noch vor nicht allzu langer Zeit haftete ihnen das Image der Unberechenbarkeit und des schier maßlosen Risikos an. Und nur die wagemutigsten Zocker trauten sich, ihnen zwischendurch ihre Aufmerksamkeit zu schenken - den Börsen Osteuropas. Große Gewinnchancen, aber auch unzureichende gesetzliche Rahmenbedingungen und dazu das unbezifferbare Währungsrisiko - nicht gerade ein Umfeld für den besorgten Kleinanleger. Doch dieses Image trifft nicht mehr zu.

Osteuropa-Aktien und Fonds sind zurzeit ein Renner: Ost- und mitteleuropäische Unternehmen werden in viele Portfolios wie selbstverständlich aufgenommen, und auch eher konservative Analysten raten dazu.

Die grundlegend positive Lage der Volkswirtschaften und die nun weit offene Tür nach Europa haben Osteuropas Aktien zum Kleinanlegertipp gemacht. Hinzu kam die unruhige Situation an den internationalen Börsen. So konnten sich zumindest viele ost- und mitteleuropäische Titel von ihrem negativen Image befreien. Die Vermögensverwalter von Baring Asset Management sehen jetzt den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg. "Die Bewertungen sind attraktiv, Kurskorrekturen haben bereits stattgefunden", heißt es bei Baring.


Maastricht ist nahe

Und die Perspektive, die die Vermögensverwalter für die nächsten Monate ansetzen, ist ebenfalls positiv. Ungarn, Polen und Tschechien sehen die Konvergenzkriterien von Maastricht in greifbarer Nähe: Bei der Verschuldung seien diese Staaten bereits unter der von der EU verlangten Quote von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Bei Haushaltsdefizit und Inflation sind sie zumindest auf dem Weg dorthin. Das wirke sich positiv aus: Es fließen mehr Direktinvestitionen in die Länder, die Produktivität der Unternehmen steige - und damit die Unternehmensgewinne. Das wiederum belebe die Aktienmärkte.

Günther Faschang, Fondsmanager des Danubia Fonds der Erste-Bank-Tochter Sparinvest, sieht die Entwicklung im Osten ähnlich positiv. Er erwartet für die nächsten zwei Jahre "die beste Börsenperformance für die Beitrittsländer unter den Wachstumsmärkten - auch mit einer Verdoppelung der Aktien". Hohes Investitionspotenzial sieht er für die Branchen Telekom, Öl, Banken und Pharma. Die ungarische Matav oder die polnische Elektrim seien sehr gut unterwegs. Auch die Ölwerte fließen in den Danubia Fonds ein, nicht aber die Ölförderer - im Prinzip alles, was Raffinerien und Tankstellenbetreiber umfasst, also auch die polnische PKN und die ungarische Mol. Diese beiden Unternehmen denken an eine Kooperation, sagt Faschang. Das treibe die Fantasie für die Aktien an. Hinzu komme die günstige Bewertung.

Die Banken seien ebenso ein guter Investitionshafen. Allerdings ergebe sich hier ein uneinheitliches Bild: Es hänge davon ab, wo westliche Investoren bereits westliches Management mitgebracht hätten. Das sei bei praktisch allen großen Banken so. Die tschechische Komercni Banka habe noch keinen ausländischen Investor; auch die OTP in Ungarn nicht, die Faschang als "profitabelste Bank in Osteuropa" bezeichnet.

Die Pharmawerte wie Gedeon Richter sind ebenfalls auf der Empfehlungsliste des Fondsmanagers. In Russland sieht Baring sehr günstige Aktien in der Ölbranche.(Esther Mitterstieler, Der Standard, Printausgabe, 21.05.2001)

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