Ein Wachturm der Vernunft

23. Mai 2001, 23:45
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Hans Mayer, deutscher Literaturwissenschaftler (1907-2001)

Tübingen - Im Unterschied zur Hauptfigur aus dem Roman örtlich betäubt von Günter Grass waren Hans Mayer beachtliche Erfolge beschieden. Eine Gemeinsamkeit zwischen dieser Figur, die Starusch heißt, und dem am Samstag in Tübingen 94-jährig verstorbenen großen deutschen Literaturwissenschaftler Hans Mayer gibt es dennoch. Sie liegt in der notorischen Selbstkennzeichnung Staruschs als "Studienrat für Deutsch und also für Geschichte".

Zu zeitgenössisch, um als Fachidiot, zu tiefsinnig, um als Literaturpapst zu enden, stand Hans Mayer ab 1946 jahrzehntelang für eine Germanistik, die den Elfenbeinturm verlassen und statt dessen eine Art zeitgeschichtlichen Wachturms bezogen hat. Die Betrachtung von stilistischen Positionen verband er mit jener von kulturhistorischen, von erkenntnistheoretischen wie von politischen Positionen. Der Vermittlung der Literatur hat er damit gedient wie neben ihm wenige.

Es war, neben den frühen Schriften von Karl Marx, vor allem Georg Lukacs, der das Blickfeld des am 19. März 1907 in Köln geborenen jüdischen Großbürgersohnes umsichtiger gemacht hat, als es der Tradition der Germanistik bis dahin entsprach. Auch führte ihn sein Lebensweg keineswegs direkt zu diesem Fach: 1933, frisch promovierter Jurist über "Die Krise der deutschen Staatslehre", musste er Deutschland verlassen, um 1945, aus dem Genfer Exil zurückgekehrt, vorerst als Chefredakteur der Deutschen Nachrichtenagentur DENA Fuß zu fassen. Erst das ostdeutsche Leipzig bot ihm drei Jahre später eine Literaturprofessur an.

Nach 15 Jahren und wachsender Kritik an seiner Arbeit - 1962 war die an der literarischen Größe eines Thomas Mann unbeirrt festhaltende Aufsatzsammlung Zur deutschen Literatur der Zeit erschienen - zog Mayer es vor, anlässlich eines Besuches im Westen zu bleiben. Er lehrte in Tübingen, dann langjährig in Hannover, um als Emeritus schließlich 1973 wieder in die Hölderlin-Stadt am Neckar zurückzukehren.

Wie Außenseiter, sein 1976 erschienenes so genanntes Hauptwerk, belegen auch die zahllosen weiteren Publikationen Hans Mayers, von Das unglückliche Bewusstsein - Zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine bis zur Autobiographie Ein Deutscher auf Widerruf, schon im Titel den Anspruch einer Literaturbetrachtung als Zeitanalyse. Mayers große Arbeiten über Georg Büchner und Bertolt Brecht haben die Rezeption dieser Autoren nach 1945 mit geprägt.

Und alle Aufmerksamkeit, die er Thomas Mann oder auch Günter Grass entgegenbrachte, konnte nicht verhindern, dass Hans Mayer sich offenen Geistes genau so etwa auf Wolfgang Bauer, Ernst Jandl oder Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa. roman einließ. Anfang der 70er-Jahre kam im Grunde kein anderer Literaturexperte in Betracht, wenn es darum ging, zu einer Bilanz der Deutschen Literatur der Gegenwart (Reclam, 1971) die Grundzüge der Aktuellen literarischen Situation zu skizzieren.

Zur Wiener Erich-Fried-Gesellschaft wurde Mayer beigezogen, als Ernst Jandl noch hoffte, aus dieser Institution könnte sich so etwas wie eine österreichische Akademie für Sprache und Dichtung entwickeln. Da war Mayer alt, aber nicht alt genug, um mit Der Turm von Babel - Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik (man beachte den unbestimmten Artikel) noch einen "Nachruf" auf die DDR zu verfassen. Ein Projekt, das aus seinem Lebenswerk ganz selbstverständlich erwuchs, auf das jeder andere Germanist nicht nur dieser Generation aber erst kommen muss. Er war eine Instanz.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2001)

Von
Michael Cerha

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