Die Sonnenschmeichler

20. Mai 2001, 20:37
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"Roberto Zucco" im Akademietheater: Ein zähes Stück Balladen-Poesie weht vorüber

"Roberto Zucco", das rätselhafteste Stück des großen Bernard-Marie Koltès, weht im Akademietheater als zähes Stück Balladen-Poesie vorüber. Festwochen-Gast Klaus Michael Grüber inszenierte das Mysterium als Albumblatt für die Jugend, meint Ronald Pohl.


Wien - Für alle Mordbrenner und Blutsäufer, für alle Täter und Terroristen, nach denen das Theater seine moralischen Fallstricke auswirft, gilt, dass wir sie anzunehmen hätten: als unsere verfemten Brüder, die uns entsühnen, weil sie Fleisch sind von unserem Fleisch; wert, dass wir sie mit uns kunstvoll verbinden und auf der Bühne letztlich opfern, an unserer statt, für einen notwendigen Zweck.

Der fabelhafte, aus der Chronik der alltäglichen Gewalt herausgegriffene Roberto Zucco des Bernard-Marie Koltès, eines merkwürdigen Heiligen der modernen französischen Dramatik, enträt leider aller Zwecke: Aus der hellen Sonne fällt er, in die schwarze Gosse stürzt er.

Er zieht nach sich ein Blutband, und er lockt ein töricht Mädchen auf seine gleißende Spur. Er scheint gekommen zu richten die Väter und Mütter, die Luden und Huren, die fetten Bürger und die Opfer der verkarsteten Zivilisation.

Wenn er dann doch noch ins Netz der Normalität gegangen ist, springt er leichthin vom Gefängnisdach, die Sonne "wird blendend hell wie der Glanz einer Atombombe", so schreibt es noch Koltès, und das Theater, jedenfalls das Balladenton-Theater des Klaus Michael Grüber, singt dem rätselhaften Mordbuben mit tränennassem Auge ein Gangster-Kunstlied als feuchten Nervenkitzel hinterher.

Der heilige Wilde, in der Maske des August Diehl ein entgeistertes Kind mit hüftknickendem Schleichschritt, darf noch einmal auf leiser Sohle die Stationen seines Mysteriums fußwischend abklappern. Aus dem Schnürboden des Akademietheaters rumpeln dann in gemächlichem Rücklauf die Potemkinschen Traumkulissen dieser mürben Moritat herunter (Bühne: Antonio Recalcati).

Man möchte nach diesen sinnlosen, kostbaren neun Festwochen-Viertelstunden in einem Gläschen Absinth baden können. Oder an zähem Fett würgen. Heiliger Zucco, erlöse uns arme Sünder. Aber wovon?

Grüber, ein legendärer Zauberharfenist des deutschsprachigen Theaters, seit Ewigkeiten wohnhaft in Paris, spielt Koltès' letzten, schwierigsten Text vom lauen, linden Blatt herunter. Den Skandal, dass hier ein später Abkömmling des Sonnengottes unter die Menschen fällt, dass er ihre wehen Herzen mit seinem Abglanz maßlos erfüllt, dass unter seinem herrlichen Zugriff ihre Hirne zu Sonnenstaub zerbröseln, wischt er leichthändig vom Notenständer.

Ohne hell leuchtendes Zentralgestirn krachen aber auch die Planeten erlöschend aus ihren Bahnen. Koltès, 41-jährig an Aids gestorben, hat die verbürgte Geschichte eines wahnsinnigen Buben aus dem italienischen Mestre, der erst Vater und Mutter, dann ein paar Zufallsbekannte federleicht metzelte, in eine Heiligenlegende umgebogen. Der reale "Succo" muss inmitten seines todbringenden Wahns ein graziler Freiheitsheld gewesen sein. Koltès hat ihm jede Rechtfertigung abgeschnitten, jede Ausflucht in die Küchenpsychologie verweigert. Was er aber gewiss nicht kalkulieren wollte, war ein Ausflug in die Nummernrevue des mit seinen Fertigkeiten protzenden Staatstheaters.

Im Akademietheater, wo eine Art Planeten-Glücksriesenrad mit seinen Lämpchen niedlich blinkt, rast Zuccos Mutter (Gertraud Jesserer) im wattierten Hausmantel schartig wie eine Klytaimnestra der Nachttöpfe. (Zucco erwürgt sie in zärtlicher Umarmung.) Die Eltern seiner zufälligen Geliebten (Mareike Sedl) zauseln wie die Gespenster der Haushaltsmühsal über die kahle Bühne.

Nummernrevue

Vor blätterndem Wandverputz räsonieren Puffmütter und Inspektoren (Bernd Birkhahn) über die Traurigkeit einer Welt, die sich zusehends verdüstert. (Zucco ersticht den Inspektor meuchlings ohne jeden Grund.) Ein paar Schauspieler flüchten in Schrulligkeiten: Lukas Miko gibt den spitzstimmigen Kleinmafioso, Anne Bennent, als botenberichtende Nutte, verschwendet ihr Können an eine Hysterie-Studie. Nummernschrott, auf Effekt hin kalkuliert.

Diehl aber, den mit einer vom Leben angeekelten Industriellengattin (Libgart Schwarz), deren Sohn er blindlings abknallt, eine lächerliche, keusche Liebesepisode verbindet, markiert mit angeklatschten Haaren und mit pfotigen Schritten das gefährliche Raubtier: ein Flücht- ling aus dem Streichelzoo, der den zwei Helden dieses gemächlichen Abends freiwillig in die Polizistenarme läuft.

Ignaz Kirchner und Branko Samarovski sind zwei zu Tode ermüdete, flüsterstimmige Kreisbeamte, aus einem Kafka-Prozess entlaufen und in den Wahnsinn unserer Welt auf Bewährung entlassen. Zwei geniale Flecken auf Koltès' rätselhafter Sonne. Nicht mehr.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2001)

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