Der Währungsfonds am Scheideweg - von Rudi Dornbusch

20. Mai 2001, 20:24
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Schlechte Neuigkeiten waren das Einzige, wofür der IWF im vergangenen Jahr gut war. Zunächst gab es einen entzweienden Streit über die Berufung eines neuen geschäftsführenden Direktors: Die Bundesrepublik Deutschland setzte sich für einen nur wenig bekannten und nicht besonders qualifizierten Bürokraten ein, doch konnte sie sich damit nicht durchsetzen.

Schließlich hat man Bundeskanzler Schröder mit einem Feigenblatt ausgestattet, hinter dem er seine Verlegenheit verbergen konnte. Dieses Feigenblatt besteht in Form des gegenwärtig geschäftsführenden Direktors Horst Köhler, dessen maßgebliche Qualifikation für die genannte Aufgabe darin besteht, dass es sich bei ihm um einen Deutschen handelt. Darin unterscheidet er sich von seinen beiden Vorgängern de Larosière und Camdessus, zwei ausgezeichneten französischer Inspecteurs de finances, die zur Crème de la crème innerhalb der bürokratischen Elite Frankreichs gehörten. Der nächste Schlag erfolgte durch US-amerikanische Republikaner, die die Strategie des IWF als eine nicht enden wollende Rettungsaktion kritisierten.

Diese Kritik wurde dem Meltzer-Report hinzugefügt, der nun noch unheilvoller über dem IWF hängt, weil die Republikaner gegenwärtig in Washington an der Macht sind. Der US-Kongress hat niemals eine ausgeprägte Sympathie für den IWF gehegt. Die Demokraten haben hart durchgreifende Programme infrage gestellt; die Republikaner haben die Rettungsmaßnahmen kritisiert; doch niemand hatte einen konstruktiven Gegenvorschlag zu machen. Aber Kritik am IWF kommt nicht nur seitens der US-amerikanischen Rechten.


Internes Sperrfeuer

Ein paar Pfeilschüsse stammen auch aus dem Inneren der Gemeinschaft, nämlich von der Weltbank auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das bemerkenswerteste Sperrfeuer in diesem Zusammenhang war die Stiglitz-Affäre, bei der der Chefökonom der Weltbank den IWF der Vernachlässigung seiner Sorgfaltspflicht beschuldigte und dafür weltweit Beifall von schlechten Ökonomen und gescheiterten Politikern erhielt. Die jüngsten Schläge ereigneten sich erst vor kurzem.

Als erstes kam der Rücktritt von IWF-Chefökonom Michael Mussa, einem ernst zu nehmenden Wirtschaftswissenschafter, der seine Ausbildung an der Universität von Chicago erhielt und der für sein gutes Urteilsvermögen allgemeine Anerkennung genoss. Er hatte die meisten der dann tatsächlich eingetretenen Krisen vorhergesagt, doch konnte auch dies seine Popularität innerhalb des IWF-Vorstands nicht steigern. Außerdem war Mussa für die extravagante Darstellung seiner Ansichten bekannt, was gerade in einer so steifen und verknöcherten Umgebung für einige der IWF-Leute schwer zu tolerieren war. Der finale Schlag kam dann schließlich in Form des Rücktritts des ersten stellvertretenden geschäftsführenden Direktors des IWF, Stanley Fischer, der für die Gewährleistung einer gewissen Kontinuität sowie für gesunden Menschenverstand und Arbeitsmoral stand.


Wall-Street-Exodus

Diese beiden Rücktritte waren die Krönung eines in den vergangenen Jahren andauernden Exodus von Talenten in Richtung Wall Street. Der IWF befindet sich also am Scheideweg: Er ist schwach, was die Führerschaft anbelangt; schwach, was das ökonomische Fachwissen an seiner Spitze betrifft; und auch schwach in Bezug auf die Unterstützung, die er seitens seiner Mitgliedsstaaten erhält. Der IWF ist zu einem geläufigen Begriff geworden, aber dieser Begriff geht mit unvorteilhaften Nebenbedeutungen einher. Fragen Sie nur einmal einen Studenten nach dem IWF, und die Antwort wird - wenn auch unbestimmt - ausnahmslos negativ ausfallen.


Notaufnahme

Zu dem Zeitpunkt, zu dem sich ein Land Hilfe suchend an den IWF wendet, befindet es sich im Prinzip bereits in der wirtschaftlichen Notaufnahme. Für gewöhnlich ist ein radikaler chirurgischer Eingriff die Folge. Der Tatsache, dass anschließend eine Besserung eintritt, wird weniger Beachtung geschenkt als der Zeit, für die sich das betreffende Land im Krankenhaus befindet.

Die Politik des IWF wird bei weitem mehr kritisiert als die verhängnisvolle Politik, die den Zusammenbruch des jeweiligen Landes ausgelöst hat. Die heutige Türkei bildet einen solchen Fall, auch Russland, oder Asien in den Jahren 1997/ 98. Was kann der IWF dagegen unternehmen? Es bleibt selbstverständlich nur wenig, was er selbst tun kann, da er von seinen Mitgliedsstaaten regiert wird - und das sind die USA, Europa (das nicht mit einer Stimme spricht) und Japan (das über keine Stimme verfügt). Der wichtigste Punkt auf der Tagesordnung ist die Nachfolge Fischers. Die geeignete Person muss nicht unbedingt ein US-Amerikaner sein, da dies die Auswahl über Gebühr einschränken und zugleich die Gefahr mit sich bringen würde, dass man eine Vereinbarung trifft, die eher durch Ideologie als durch Kompetenz gekennzeichnet wäre.


Neu erfinden

Die Auswahl des Nachfolgers für Fischer stellt eine wunderbare Gelegenheit dar, mit dieser Routine ein für allemal zu brechen. Bei dem erfolgreichen Anwärter sollte es sich - noch vor allem anderen - um einen wirksamen Administrator und Spitzenökonomen handeln, der zudem Erfahrungen aus der Politik mitbringt. Allerdings muss sich auch der IWF neu erfinden.


Rudi Dornbusch ist Professor für Wirtschaftswissenschaft am MIT.

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