Alles läuft! Und wohin?

20. Mai 2001, 21:53
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Fragen zum Marathon

Heraklit ist tot, und nichts und niemand fließt mehr. Alles läuft jetzt, so scheint es. Warum eigentlich? Jahrzehntelange verlässliche Gefährten beim gemeinschaftlichen Verzehr von Hauerjause und G'spritzen sind seit Monaten nicht mehr zu einem Heurigenbesuch zu überreden. Sie sind auf Kohlenhydrate und Elektrolytgetränke. Dem sportlich ambitionierten Freizeitphilosophen drängen sich die ewig alten Fragen auf.

1. Woher kommen wir? Im 18. und 19. Jahrhundert ließ, wer konnte, laufen. Die Habsburger, Auerspergs und Ester- házys zogen die Karosse vor. Aus Prestigegründen hielten sie sich so genannte "Laufer" - als Botenläufer. Die Laufer bildeten einen eigenen Berufsstand. Zur Gesellenprüfung mussten sie von Mariahilf bis Mariabrunn und wieder zurück (18 Kilometer) koffern. Die vorgeschriebene Mindestzeit betrug eine Stunde und zwölf Minuten. Ein Schnitt von vier Minuten pro Kilometer. Das entspräche einer Marathon-Zeit von unter drei Stunden. Jeden 1. Mai traten die besten adeligen Laufer Wiens in bunten Kostü- men gegeneinander an. Man lief vom Praterstern ums Heustadelwasser zum Lusthaus und retour. Das Spektakel zog Mitte des 19. Jahrhunderts bereits bis zu 30.000 Zuschauer an.

2. Wohin laufen wir? Laufexperten wie Ulrich Strunz, der Meister des langen Schrittes und der Syntax, weist den Weg. Sein Ziel ist "ewige Jugend" und "Unsterblichkeit". Darf man der Wissenschaft Glauben schenken, so schreiten wir mit großen Schritten (sic) auf die Unsterblichkeit zu. Pilze, Fadenwürmer, ja sogar einzelne menschliche Zellen leben in Petrischalen der Gentechniker bereits ein Stück Ewigkeit."

Ganz viele menschliche Zellen führen das, was die Fadenwürmer exemplarisch bereits vormachen, in der Petrischale namens Prater Hauptallee tagtäglich konsequent weiter. Neben Strunz ist noch genügend Platz für eine boomende Seminarszene. Man lernt dort nicht nur, einen Schritt vor den anderen zu setzen, sondern auch zu entspannen, zu führen, zu managen, well und glücklich zu sein. Es gibt jede Menge nicht evaluierte Lauftherapeuten, die zwar nicht immer wissen, was das eigentlich ist, wogegen sie therapieren. Aber wo ein Klient - oder sagt man Patient? -, gibt es auch einen Therapeuten. Es scheint, als ob Laufen, die Wunderwaffe für das ewige Leben, alle Defizite neoliberaler Gesellschaftsentwürfe kompensieren könnte. Wer läuft, ist potenter, attraktiver, gesünder, leistungsfähiger, entspannter als sein Konkurrent, als seine Konkurrentin. Dabei verweist das Wort Konkurrent exakt auf einen Wesenskern des gesamten Booms. Das lateinische Kompositum "con-currere" kann man mit "zusammenlaufen, aufeinander stoßen" übersetzen. Darin verdichtet sich ein Stück rastloser europäischer Kulturgeschichte. Während Asien mit Yoga, Tai-Chi, Qiong und vielen anderen eine Fülle von meditativen Körpertechniken kultivierte, kam Europa über ausdauerndes Rosenkranzbeten nie hinaus. Wir laufen.

3. Was machen wir Läufer nun, wenn wir am Ziel, wenn wir "forever young" sind? Werden wir dann weiterlaufen müssen? Für immer? Lebenslänglich? Wird es dann unser bewährtes österreichisches Pensionssystem noch geben? Und wer wird meine Pensionen zahlen, Heraklit?

Von Rudolf Müllner

Rudolf Müllner lehrt am Wiener Institut für Sportwissenschaften auch Sportgeschichte

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